Notabene Chris von Rohr Kind entwendet durch Schreibtisch-Behörde

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor über den Kindermord in Flaach, die Kesb und was sich in Zukunft ändern muss.

Kann ich mir vorstellen, dass eine erfolgreiche, angepasste und gepflegte Person ein grässlicher Mensch ist, wenn man ihn als Vater oder Mutter abkriegt? Und wie ich das kann!

Erst haben diese Erziehungsberechtigten jahrelang keine Zeit, sich um den Schüleralltag ihres Zöglings zu kümmern, und dann plötzlich, wenn es um Laufbahnentscheide geht, erst dann, erfolgt der grosse (väterliche) Managerauftritt in der Schule. Die Lehrperson fragt sich oft zu Recht, wessen Laufbahn und Interessen jetzt tatsächlich im Mittelpunkt stehen. Ich kann mir aber genauso gut vorstellen, dass ein wenig angepasster, bescheiden gebildeter oder gar delinquenter Mensch ein aufmerksamer und liebevoll umsorgender Elternteil ist, der sein Kind bei Misserfolgen tröstet, stolz seinen Theater- und Sportanlässen beiwohnt, abends mit ihm Kartenspiele spielt und keinen Elternabend verpasst. Wem würden Sie tendenziell eher die Obhut entziehen wollen? Das vermeintlich Offensichtliche täuscht oft.

Der Kindesmord in Flaach wirft Fragen auf. Die Vermutung, dass eine Amtsperson aus der Distanz eine völlig verkehrte und verheerende Massnahme verordnet hatte, war Gegenstand von Untersuchungen und wurde dementiert. Die KESB ist eine nicht vom Stimmvolk gewählte Instanz, eine von der Politik installierte Amtsstelle, zentral - und damit oft entfernt gelegen -, die zu Bürozeiten geschäftet. Allein diesen Umstand empfinde ich als Realsatire, denn Familiendramen ereignen sich kaum zwischen acht und siebzehn Uhr, wenn Kinder in der Schule höckeln und Eltern arbeiten. Liest man die unzähligen Klageberichte auf kindergerechte-justiz.ch, wird die KESB vielerorts als eine wuchernde, lebensfremde, starre Institution wahrgenommen, mit der man besser nichts zu tun hat und die meist vor allem eins schafft: neue Probleme.

Wenn staatliche Behörden zu selbstgerechten Königreichen verkommen, ist es an der Zeit, genauer hinzuschauen

Soll ich ergo die früheren Zeiten zurückfordern, wo Vormundschaftsbehörden sich aus Dorfbewohnern jeglicher Berufszweige zusammensetzten und der Baumaler des Abends noch schnell zum Mündel schaute? Ich bin sicher, dass dieses Prinzip der niederschwelligen Nächstenhilfe oft das richtige war. Für die Ansprechperson im Dorf war der Klient ein real existierender Mensch, nicht bloss ein Fall mit Referenznummer. Dennoch werde ich mitnichten das «Früher war alles besser»-Lied anstimmen. Es leben heute unter uns noch Menschen, die in ihrer Jugend mit den damals gebräuchlichen medizinischen Begriffen wie «Schwachsinn» oder «Idiotie» gebrandmarkt wurden. Man verwendete diese Diagnosen bei Kindern und Erwachsenen aller Gattung. Minderjährig gebärende Frauen, Landstrassenkinder, etwas aufmüpfigere oder unter Armutsverwahrlosung leidende Wesen und viele andere konnten so bequem versorgt und ausgebeutet werden. Nein, es war weder früher noch heute besser. Auch in dieser Minute wird vermutlich gerade irgendwo eine sadistische Form der Seelsorge verübt - von einer solide und langjährig ausgebildeten Person, der blind Schutzbedürftige anvertraut werden.

Die Missstände sind und waren zahlreich. Die Frage bleibt, wo der Verbesserungshebel anzusetzen ist. Ich fordere eine 24-Stunden-Anlaufstelle - sonst brennt auch überall Licht in der Nacht! Und finale Massnahmen sollten zwingend in einem Gremium verordnet werden, das Laien aus dem Umfeld und der Gemeinde der Betroffenen einschliesst. Ihre Stellungnahmen sind gewichtig. Experten, Psychologen und Juristen in Machtpositionen dürfen keinesfalls das ausschlaggebende Sagen haben. Wenn staatliche Behörden zu selbstgerechten Königreichen verkommen, ist es an der Zeit, genauer hinzuschauen und dem Treiben Einhalt zu gebieten. Menschliche Probleme lassen sich nicht mit Papierschwärzen, Fachwörterjonglage und durch Computerklick lösen. Der Staat ist es allen Betroffenen schuldig, dass er sein Handeln klar und verständlich erklärt.

Der Fall Flaach wurde vorwiegend aus Elternsicht abgehandelt. Dies zeigt knapp die Hälfte des Elends. Werden Kinder ihren Eltern entrissen, ohne einen Leidensdruck zu verspüren, verlieren sie alles, die ganze Welt wird ihnen genommen. Dieses Trauma ist kaum schadlos zu überstehen. Es wird ihnen zeitlebens an Urvertrauen fehlen, die Seele wird stets in Alarmbereitschaft und im Katastrophenmodus bleiben. Und für nüchterne Denker und Zuleser: Solche Kinder generieren im Laufe ihres Daseins erneut Kosten. Egal, ob es sie vom Stängeli in die Depressionshölle haut, ob der Enttäuschung Aggressionen folgen oder ob sie sich in die Krallen bewusstseinserweiternder Substanzen begeben - sie werden die Gesellschaft mit der für gebrochene Seelen üblichen Zweidrittelwahrscheinlichkeit auf ihre Weise fordern.

Ich will mithelfen, die Dinge in eine bessere Richtung zu lenken und Leid zu vermeiden. Augen auf - nicht nur im Strassenverkehr! Jeder von uns ist gefordert, sich einzubringen, wenn der Härtefall auf dem Amtsschimmel reitet. Lasst euch da nichts gefallen!

Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Pedro Lenz und Helmut Hubacher finden Sie im grossen SI-online-Dossier.

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