Notabene Chris von Rohr «Mutter(er)leben»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, wehrt sich dagegen, dass Vollzeit-Mamis als Sklavinnen ihrer Ehemänner beschimpft werden. Denn der Job als Hausfrau und Mutter ist hart und anstrengend. 

Sie hatte Stil, Schneid, Geschmack, Humor, Chuzpe und Herz. Sie war unerschrocken und... meine Mutter. Margrit oder Gigi, wie wir sie nannten, stammte aus einer Händlerfamilie. Ihre Vorfahren waren englische Auswanderer, die sich vor langer Zeit im Jura mit Zigeunern vermischten. Die Eltern führten ein Kleidergeschäft mitten in der Stadt Solothurn. Schon früh half die Tochter mit. Dazu las sie sich durchs örtliche Buchgeschäft, machte die Matur und danach ein Wirtschaftsstudium an der Uni Freiburg.

Als Mutter war Gigi nicht die überschwängliche, kuschlige, gluggernde, italienische Mama, die sich jedes Kind wünscht. Aber sie war sofort zur Stelle, wenn es für mich oder meinen Bruder brenzlig wurde. So marschierte sie z. B. zielgerade zur Schulleitung, weil ein steifer Lehrer mich wegen zu langer Haare (etwa so, wie mein Banker sie heute trägt) vom Unterricht ausschloss. Mum war eine Kämpferin, ein Mix aus Haus- und Geschäftsfrau, und sie knickte nicht gleich ein. Ich konnte mit jedem Anliegen zu ihr, sie hörte zu und nahm mich ernst. Der Haushalt wurde nie vernachlässigt, weil sie sich um beides gleichermassen beherzt kümmerte. Unverdrossen bereitete sie uns täglich feine Speisen zu, machte die Wäsche und alles, was in einem Haushalt anfällt.

Phasenweise lag ich am Boden unter ihrem Louis-Philippe-Holzsekretär und studierte die Unterrockkultur der späten 50er, während Mum den administrativen Berg abtrug. Natürlich war ihr Eifer Gift für mich. Und bald sprengten der Aufbau des eigenen Geschäfts, der Haushalt und die seriöse Kindsbetreuung Mutters Kräfte. Es wurde - zum Glück nur kurz - eine Nanny für mich aufgeboten. Ich goutierte das gar nicht. Unlängst erzählte mir mein früheres Kindermädchen, ich sei ein wütendes, wildes Kind gewesen, das oft mit Kieselsteinen nach ihr geworfen habe, weil meine geliebte Mutter nicht verfügbar war. «Was? Nur Kieselsteine?», scherzte ich und versprach, als Entschädigung bald meine «Spaghetti Tornado» für sie zuzubereiten.

Die Welt hat sich seit damals krass verändert - nicht nur die Unterröcke betreffend. In meiner Kindheit stellte der Haushalt für die Frauen einen respektierten, angesehenen Beruf dar, zu dem Gartenarbeit, Gemüse putzen, verwerten und für den Winter einmachen, Socken stricken, bügeln, Wäsche flicken und vieles mehr gehörte. Man war körperlich gefordert. Ein grosser Anteil des Einkommens wurde für Kleidung und Ernährung gebraucht. Die Männer waren auch in der Pflicht. Solche mit zwei linken Händen waren rar, denn man musste von klein auf zupacken.

Wir, die Bevölkerung, sind inzwischen immer mehr geworden, und viele leben deshalb heute recht gedrängt in überschaubaren Wohnungen ohne viel Aussenraum. Den scheint der moderne Mensch auch kaum zu vermissen, denn Gartenarbeit wird von vielen als Last empfunden. Man arbeitet so viel wie möglich auswärts und engagiert dafür eine Raumpflegerin und gibt die Kinder in die Krippe. Sich im Job ins Zeug legen - zu Hause outsourcen. Wer heimkommen kann und sich dort um nichts mehr kümmern muss, der hat es geschafft. Wenn dann die Hose enger anliegt, folgt der Gang ins Fitnesscenter. Ein grosser Anteil am Einkommen wird für Ferienreisen eingesetzt.

Wir steuern auf einen Nanny-Staat zu, der für Mütter stets auf Pikett zu sein und in jeder Lebenslage Unterstützung zu bieten hat. Denn die Männer tun sich mit ihrer Rolle als verlässlicher Partner, Vater und Ernährer auch schwer. Das Versprechen «bis der Tod euch scheidet» scheint beidseitig zur Floskel mutiert zu sein. Wir leben auch länger. So ist der Lebensentwurf heute von Flexibilität, Abschieberei und Unverbindlichkeit geprägt.

Diese Multiplechoice-Haltung stellt uns vor einige Probleme, aber ich finde, viele Formen dürfen und sollten heute Platz haben - je nach Situation und Wunsch. Wenn ich aber höre oder lese, dass Vollblutmütter, die einen Kinderhaushalt führen, als Mutterkühe, kuchenfressende «Nur-Hausfrauen» oder auch als Sklavinnen ihrer Ehemänner abqualifiziert werden, kommt mir die Galle hoch, weil ich weiss, was dieser Job bedeutet. In meinen Augen verrichten diese Frauen wertvollste Arbeit an unserer zukünftigen Gesellschaft. Sie stehen einem kleinen Familienunternehmen vor und bewahren diese so wichtige Zelle oft vor dem Niedergang. Wie mancher Wichtigtuer-CEO schafft dies? Auf Mütter wartet kein goldener Fallschirm, und rasch den Betrieb wechseln ist keine Option.

Wollen wir den Muttertag sausen lassen und gleich ein Mutterjahr feiern?

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