Notabene von Chris von Rohr Musik, Liebe & Revolution

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 66, schreibt in seiner neuesten Kolumne über sein Leben in einer Kommune und wie er dort die freie Liebe zelebrierte.

Mein richtiges Leben begann für mich mit genau zwei Songs: «She Loves You» von den Beatles und «Satisfaction» von den Rolling Stones. Was für ein Donnerschlag! In je zweieinhalb Minuten wurde die Wahrheit auf den Punkt gesungen, und mir war, als hätte jemand den Einschaltknopf zu meinem Leben gedrückt. Ich war bereit, die dumpfen Zeiten mit Igelfrisuren, Krawattenvirus, erstickendem Schul- und Familienwahnsinn, verklemmter, scheinheiliger Sexualmoral und dem hirnrissigen Busy-going-nowhere-Trott zu Grabe zu tragen. Möge Asche zu Asche gestreut werden … die neue Generation brauchte dringendst frische, befreiende Luft zum Atmen.

Musik und Frauen leiteten mein Leben.

Etwas später wurde ich mit der sogenannten, heute wieder oft diskutierten, «68er-Bewegung» konfrontiert. Weltweit gab es sozialkritische Studentenunruhen und Demonstrationen gegen untragbare Politiker, übermotivierte Polizisten und andere Missstände. Rasch hatte ich da den Verdacht, dass die lauten Zürcher Globus-Krawalle, angeführt von ein paar Halbstarken, Mao-Freaks und Marxisten genauso wenig griffen wie später die kommunistisch gefärbten «Tod dem Kapitalismus»-Parolen. Sie waren von naiver Güte, nicht ansatzweise so progressiv und umsetzbar wie ihre Marktschreier es glaubten. Das Prozedere war ein politischer Theoriefurz und Durchlauferhitzer, denn die damaligen Gut- und Streitmenschen verstanden wenig vom richtigen Leben. Aber ich muss ihnen danken: Sie zeigten mir, wies NICHT geht.

Ich war der Meinung, wer die Welt verbessern wolle, müsse bei sich selbst anfangen.

Meine damaligen Helden waren folglich nicht neunmalkluge, Phrasen wiederkäuende Polit-Grünschnäbel, sondern Dichter, Poeten und Philosophen wie Oscar Wilde, Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, John Lennon, Rainer Maria Rilke und Bob Dylan. Diese Protagonisten hatten An- und Einsichten, die mein Herz und meine Seele berührten, aber auch in die Weite schweiften und nicht nach wenigen Minuten zu Ende gedacht waren. Das imponierte mir. Verabscheuen tat ich hingegen den damals gesellschaftlich gelebten Moralismus, die Gewaltmanifestationen und die Zerstörung. All dies war mir von der Schule und der Welt- und Kirchengeschichte her auf unangenehme Weise vertraut. 

Wir erforschten LSD und sahen dem Gras beim Wachsen zu, pflegten den Müssiggang und die Liebe ohne feste Strukturen.

Ich war der Meinung, wer die Welt verbessern wolle, müsse bei sich selbst anfangen– was halt eben oft unangenehm und mühsam ist. So gründete ich mit Freunden eine kreative Kommune, statt mich den typischen 68ern anzuschliessen. Uns ging es vielmehr um die radikale Hinwendung zum Individuum, welches in der Tristesse der Nachkriegszeit heftig unterdrückt wurde, und um die Aufwertung des Einzelnen. Dass die beiden Weltkriege den Leuten damals noch jahrzehnte- und generationenlang in den Knochen steckten, liegt auf der Hand. Vorher musste jeder für alle einstehen, und Ausscheren bedeutete unter Umständen den Verlust von Leben. Somit brauchte es viel mehr als einen einzigen Sonntagsspaziergang, um vom gehorsamen Gleichschritt zur bunten, befreiten Unbeschwertheit zu gelangen.

Wir konnten mit sehr wenig leben und glücklich sein.

In unserer Kommune zelebrierten wir das blosse Dasein, das vertiefte Gespräch und die Natur. Wir erforschten LSD und sahen dem Gras beim Wachsen zu, pflegten den Müssiggang und die Liebe ohne feste Strukturen. Und das natürlich niemals auf Staatskosten. Da gabs Haus- und Strassenmusik, die Frauen brachten Kartoffeln, Brot, Kochbutter und Melasse mit, und der Vietnamboy Kassim ging auf Entenjagd und kochte für uns. Wir konnten mit sehr wenig leben und glücklich sein – eine Zeitlang. 

Dann kam mir das mit der freien Liebe und dem Frauenteilen innerhalb dieser Wohngemeinschaft zunehmend schräg vor. Zu viel Spiel ohne Grenzen, zu wenig nachhaltig. So verliessen ich und meine Liebste Bella die Kommune Himbeer. Wir suchten gemeinsam das Ende des Regenbogens, reisten, meditierten und erkundeten die Welt. Es waren prickelnde und ekstatische Zeiten. Später eröffneten wir eine kleine indische Boutique, züchteten irische Wolfshunde, und ich gründete schliesslich mit Krokus die Band meiner Träume. Diese Band existiert heute noch. Bella ist hoffentlich woanders glücklich. 

Dann kam mir das mit der freien Liebe und dem Frauenteilen innerhalb dieser Wohngemeinschaft zunehmend schräg vor.

Musik und Frauen leiteten mein Leben. Auch heute bin ich noch der Rock-Hippie mit den 60er-Jahren im Blut. Klar, so ein Jahrzehnt wird es nie mehr geben, aber ein Gegenentwurf zu dieser oft unterkühlten, hektischen und kriegerischen Welt ist nach wie vor angesagt. Und die Revolution gegen Freiheitsberaubung, politische und private Doppelmoral, richterliche Willkür, Ideologien, Kindsmissbrauch, Frauenunterdrückung, Tugendterror und staatliche Überregulierung dauert bis zu meinem letzten Atemzug.

 
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