Notabene Chris von Rohr Schule in Ketten

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 63, über Schüler, Lehrer und den Lehrplan 21.

Vor den Sommerferien war ich Gast in der Politsendung «Arena». Thema: «Hurra, die Schule brennt!» Es ging um das Harmos-Konkordat (welch unzauberhaftes Wort!) und den Lehrplan 21. Was sollen unsere Kinder und Kindeskinder für eine Schule bekommen? Was ist in die Wege zu leiten?

Wenn ich meine Tochter in der Steiner-Schule besuche, bin ich beeindruckt bis neidisch auf das Leben und Treiben in der Schulstube (welch nettes Wort!). Ebenso, wenn mir eine geschätzte Freundin und Lehrerin der öffentlichen Primarschule zeigt, was sie mit den Kindern schafft. Ja, Freunde der Sonne, ich möchte grad selber wieder den Kuhfell-Schulsack mit dem Znünisäckli drin buckeln und... Bedauerlicherweise habe ich die Sache mit dem Zeitreisen nicht im Griff.

Wer Menschen bildet, sollte selber in Menschlichkeit geschult worden sein. Kinder benötigen Mentoren, die mehr als ihre Vornamen kennen - keine gesichtslose Menge Fachlehrer, die nach einer professionellen Einzellektion wieder für drei Tage verschwindet und nur Leere hinterlässt. Lernerfolg stellt sich ein, wenn beide Seiten wohl und vertraut miteinander sind - Kinder und Lehrer. Man muss sich getrauen, Anliegen zu platzieren, zu gestehen, dass man etwas nicht kapiert hat, und zu beichten, wenn sich daheim die Coki über das Rechenheft ergossen hat. Auch Lehrer kippen mal etwas um und übersehen Dinge. Schule ist Leben. Versuchen und Irren, Konflikt und Versöhnung, Lachen und Stolpern. Fallen menschliche Hemmschuhe weg, kann der Lernspass beginnen. Lust am Lernen und Interesse an der Welt sind eine natürliche Sache und müssen nicht als überkandidelte Lernziele in Worthülsen hineingewürgt werden.

Genau das beobachte ich aber. Personen, die selber kein halbes Bein im Schulhaus haben, wollen sich ein politisches Denkmal setzen und ein bisschen an der Schule herumwerkeln. Dabei denken sie nicht im Entferntesten daran, was dies an der Basis bei der verunsicherten Lehrerschaft, den absolut devoten Schulleiter/innen, die natürlich alles buchstabengetreu umsetzen, und vor allem bei den Kindern anrichtet.

Es geht um Strukturen, Formulare, Programme, Evaluationen und viel zu selten um die Kinder selbst.

Wer stoppt diese Papierübung? Ein Schablonen-Lehrplan mit 363 Kompetenzen und 2304 Kompetenzstufen ist eine Verschwendung, die Energie abzapft. Lehrer brauchen keine geschwollen formulierte heilige Schrift, sondern wenige, klar definierte Jahrgangsziele. Der finnische Lehrplan schafft dies auf 175 Seiten. Die Bildungshoheit EDK (Erziehungsdirektorenkonferenz) scheint mir eine Art Verwaltungsrat zu sein, den die Basis nicht benötigt. Sie verplaudert Geld, das im Schulzimmer gebraucht wird. Also bitte weg damit.

Für einen Schüler der staatlichen Schule werden im Jahr 20'000 Franken eingesetzt. Dafür kommt der Steuerzahler auf, egal, ob er den öffentlichen Schuldienst in Anspruch nimmt oder nicht. Im Gegensatz zu Deutschland oder Skandinavien werden Privatschulen hierzulande kaum bis gar nicht unterstützt, was ich suboptimal finde. Es braucht eine Vielfalt in der Bildung. Denn es müssen junge Menschen mit unterschiedlichsten familiären und kulturellen Backgrounds auf dieses Leben vorbereitet werden - eine grosse Aufgabe!

Die Kinder aus Bergregionen, Agglomerationen und Asylzentren benötigen alle eine Schule, die zu ihnen passt. Eine Monokultur fördert die individuellen Chancen dieser Klientel nicht. Und vor allem sollten wir die Lehrerschaft nicht mit staatlich verordnetem Einheitsbrei in Ketten legen, sondern sie davon befreien, damit sie ihrer Berufung nachgehen kann. Früher mussten wir uns vor den Lehrern in Acht nehmen, heute müssen wir sie stützen.

Und übrigens sollten die Eltern endlich wieder ihre Aufgabe als Erzieher und Begleiter ihrer Kinder erfüllen und aufhören zu glauben, die Lehrer könnten auch diesen Auftrag noch übernehmen.

Keine einzige Berufsfrau, kein aktiver Lehrer war bereit, mich in die «Arena» zu begleiten. Sie sahen ihr Anstellungsverhältnis gefährdet, wenn sie sich öffentlich kritisch äussern würden. Mir gibt das zu denken.

Am Ende der Sendung empfahl ich den Anwesenden den «Demian» von Hermann Hesse zur Lektüre. Wie das Licht des Leuchtturms in einer Sturmnacht empfängt er einen mit den Worten: «Ich wollte ja nichts, als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte. Warum war das so schwer?»

Im Dossier: Alle «Notabene»-Beiträge von Chris von Rohr, Helmut Hubacher und Co.

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