Notabene Chris von Rohr «Trinke Wein im Vollmondschein»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 63, über den Genuss eines edlen Tropfen Rotweins.

Schon als Kind reizte mich der Rebensaft - wie vieles, was mir verboten und vorenthalten wurde. Neidisch bewunderte ich die Erwachsenen mit ihren grossartig geschwungenen Gläsern und wie sie sich diesen Zaubersaft einschenkten, den es bereits seit 5000 v. Chr. gibt. Nachts schlich ich hie und da in den Keller, wo meine Eltern einen wunderschönen kleinen Weinraum mit Kieselsteinboden eingerichtet hatten. Ich nahm die Flaschen scheu und behutsam aus ihren Tonröhren, denn ich wusste, dass man sie nicht zu sehr bewegen durfte. So bestaunte ich die edlen Etiketten der Flaschen. Einige waren älter als ich - viel älter. Und sie hatten eine Geschichte. Dagegen schien meine Bierdeckelsammlung ein Süsswasserabenteuer mit beschränktem Fantasiepotenzial zu sein.

In meiner Studentenzeit in Neuenburg begann ich den roten Saft definitiv zu schätzen. Das hatte auch mit der Pflanze, der Frucht selbst zu tun. Für mich gehören Trauben zu den sinnlichsten Früchten überhaupt. Oft wanderte ich stundenlang den nahe liegenden Rebbergen entlang und sprach mit einem lokalen Winzer. Sinngemäss lautete sein Spruch: Der Wein gilt als Sorgenbrecher, doch lediglich für frohe Zecher, denn wer ihn baut und will verkaufen, kann öfter sich die Haare raufen! Heute denke ich, dass Rebenzucht und Musik viele Gemeinsamkeiten haben. Nur wer sie hegt und pflegt, sich lange mit ihnen befasst, durch Höhen und Tiefs geht, bekommt am Schluss etwas Wohlbekömmliches und Abgerundetes. Im Wein und in der Musik liegt Wahrheit. «Der Wein erhöht uns, er macht uns zum Herrn und löset die sklavischen Zungen», sagt Goethe. Und Reife lässt sich nicht beimischen.

Kürzlich hatte ich das Glück, von einem sehr jungen und gerade deswegen faszinierenden Weinkellner umsorgt zu werden. Ich stellte ihm eine winzige Frage und sah, wie sich sein Gesicht erhellte, als er zu erzählen begann. Er war keiner dieser Sorte, die zu müde scheinen, auf Fragen des Gastes einzugehen. Und ohne Zweifel hatte ich an seiner Leidenschaft gekitzelt. Er müsse sich damit abfinden, dass er dem Wein nicht gerecht werden könne, meinte er. Denn ein erlesener Roter, der unmittelbar vor dem Essen ausgewählt und geöffnet werde, habe kaum eine Chance auf den Grossauftritt. Es sei im Grunde eine Schande, einen gut gehegten und monate- oder jahrelang gelagerten Göttertrunk zu konsumieren, ohne dass er die Zeit bekomme, sein Feuerwerk zu entfalten. Am liebsten, sagte der Goldjunge, würde er bereits beim Frühstück die Weinbestellungen für den Abend aufnehmen, um die Flaschen vorher zu öffnen und zu dekantieren. Aber das sei nirgends üblich, und vermutlich würden die Gäste ihre Köpfe schütteln. Er aber könnte so seine Sache erst richtig gut machen und hinter dem stehen, was er tue.

Faszinierend finde ich auch die Farben des Rotweins. Je nach Lichteinfall wirken seine Nuancen ganz unterschiedlich. Ich bin ein Farbenmensch. Ach was sage ich ... Farben, Düfte, Licht und Geschmäcker ... diese Genüsse vermögen mich alle in Euphorie zu versetzen. Wenn ich Wein koste, studiere ich zuerst seine Farbe. Damit fängt der Zauber an. Da präsentieren sich Tausende rotviolette Töne in voller, einmaliger Pracht. Ein guter Tropfen hat meist auch eine faszinierende Farbe, egal ob im hellen oder dunklen Bereich.

An Spitzenweinen bin ich weniger interessiert, jene, die den Trinker schmücken wie die Rolex den «Palace»-Bewohner. Klar gibts unglaubliche Bordeauxweine, aber an die komme ich selten. Mein selig machendes Bettmümpfeli kann gerne aus dem Discounter stammen und ein gelbes Nötli und 3 Fränkli kosten. Besonders mag ich Rioja, Merlot und Cabernet Sauvignon, degustiere aber gern quer durch die Sorten, um einen neuen Geschmack zu entdecken. So stiess ich auf den Zinfandelwein, auch Primitivo genannt. Auch das weibliche Geschlecht lässt sich gut dafür begeistern - und Frauen haben ja bekanntlich eine feine Zunge. Er fühlt sich leicht an und hat trotzdem Gewicht, plus dieses typische fruchtige Zimt-Nelken-schwarzer-Pfeffer-Aroma dunkler Waldfrüchte ... Er hat keine Säure und raubt mir keine Lebensgeister. Nach ein paar abendlichen Gläsern stehe ich bei Sonnenaufgang auf und sage: «Der Tag kann kommen und der Weinlieferant auch.»

Übrigens, meine Lieblingsweinworte sind von Omar Chajjam, einem persischen Astronomen, Philosophen und Dichter: «Heiter zu sein und Wein zu trinken, ist meine Regel, frei zu sein von Glauben und Unglauben, meine Religion: Ich fragte die Braut des Schicksals, was ihre Mitgift sei: ‹Dein frohes Herz›, antwortete sie.»

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen frohe, friedliche Festtage.

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