Notabene Chris von Rohr Forever Young

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Jugend, die Entwicklungsmöglichkeiten und die Hindernisse auf dem Weg in die Erwachsenenwelt.

Die Texte von Musiker und Nobelpreisträger Bob Dylan erklären uns den Menschen und die Welt in einmaliger Art und Weise. Einer seiner stärksten Songs, Forever Young», begleitet mich schon ewig, und er hängt als Teil eines Bildes bei mir zu Hause an der Wand. Es sind Segenswünsche ans Leben, und sie wecken kindliche Sehnsüchte in uns. «May you build a ladder to the stars and climb on every rung - and may you stay forever young» - Mögest du eine Leiter in den Himmel bauen und jede Sprosse erklimmen - und für immer jung bleiben. Diese Textbilder und die Melodie beschreiben genau, worum es im Leben geht - in meinen Augen zumindest.

Wenn ich mich über politische Fehlentscheide und menschliche Ignoranz aufrege, schnüre ich meine Schuhe und laufe hinaus in die Natur. Das hat etwas Tröstliches und beruhigt mich sofort. Hie und da führt mich mein Weg in die Weststadt, zu der alten Zifferblattfabrik, in der heute die Steiner-Schule beheimatet ist. Ich kenne dort mehrere Lehrer und Kinder, die mich allzeit freudig willkommen heissen. Staunend erlebe ich jeweils, mit welcher Zuversicht und mit welch grossherzigem Feeling die zukünftige Erwachsenengesellschaft auf ihr Leben vorbereitet wird. Kinder spielen frei, meist ohne Lehreraufsicht, auf dem Pausenplatz. Die Kids wissen auf sich aufzupassen und für Ordnung zu sorgen. Das haben sie gelernt und vieles Weitere dazu. Ich schlendere durch die Räumlichkeiten und bewundere herrliche, farbenfrohe Dekorationen, humorvollen, spannenden Unterricht, wunderschöne Wandtafelzeichnungen, vorweihnachtlich geschmückte Fenster und viele frohgemute, strahlende Gesichter.

Ich bin auch mit einer Lehrerin der Staatsschule befreundet. Sie berichtet mir oft aus ihrem Alltag und schildert, wie sie ihre «Kundschaft» zum Staunen und Lachen bringt: «Wenn Kinder eingeschult werden, gleichen sie Büchern, bei welchen erst der Prolog verfasst ist. Ihr Roman wird mit jedem neuen Tag ergänzt. Das ist einerseits eine gewaltige Verantwortung, die ich da als Lehrerin empfinde, denn ich schreibe an der Geschichte mit. Aber gleichzeitig ist es ein riesiges Potenzial und eine Ehre, das ganze Universum einer Seele nähren zu dürfen. Es wird ein Leben in meine Hände gelegt, das will ich pfleglich behandeln.»

Gegenwärtig können sich nur finanziell Bessergestellte eine Alternative zur Staatsschule leisten

Wahrlich, bei so einer Lehrerin wäre ich auch gerne zur Schule gegangen. Natürlich ist Schule nicht alles, und einige Menschenkinder haben eine harte und üble Vorgeschichte von zu Hause aus. Es gibt ein Leben vor und nach dem Unterricht, und die Eltern sind da essenziell. Wenn das Geschirr zerbricht, kann die Schule zum Monster werden. Genau wie das Zuhause. Für ein Schulkind ist das Klassenzimmer im Idealfall das zweite Daheim. Ich bedaure es sehr, dass hierzulande keine breitere Schullandschaft existiert, wo unterschiedliche Schulen auch substanziell vom Staat unterstützt werden - egal ob Montessori, Waldorf oder Staatsschule. In Skandinavien funktioniert dies. Es nennt sich Pädagogik der Vielfalt und ist das bestinvestierte Staatsgeld überhaupt. Dahinter steht folgender Leitgedanke: Gleichberechtigung der Verschiedenen. Da könnten sich unsere Politiker ein grosses Stück abschneiden und erkennen, was folgenden Generationen guttäte. Gegenwärtig können sich nur finanziell Bessergestellte eine Alternative zur Staatsschule leisten - ich neige zur Ansicht, dass dies kein cleveres, nachhaltiges Konzept ist.

Das Problem vieler heutigen Schulen: Es wird nur noch gemessen - Quantitäten anstatt Qualitäten - von Pisa bis Bologna. Diplome statt Persönlichkeiten. Der Philosoph und Publizist Richard David Precht («Anna, die Schule und der liebe Gott») erkennt richtig: Es braucht dringend eine Bildungsrevolution, einen Wandel, da unsere Vorstellungen von Schule immer noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Auch heute noch wird Tausenden von neugierigen Kindern schon am ersten Schultag jede Fantasie und Begeisterung geraubt. Klar existiert das Harry-Potter-Zauberinternat nicht wirklich, aber trotzdem braucht die Schule der Zukunft einen Umbau, und ich spreche hier nicht vom Lehrplan 21. Je eher wir das erkennen und einleiten, desto besser wird es unseren Kindern und dieser Welt gehen.

Ich wünsche Ihnen freudige Festtage. Vermeiden Sie politische Diskussionen - die sind der Feststimmung eher abträglich. Schnuppern Sie lieber am Tannenzweig, und schauen Sie ins Licht! Seien Sie eine tanzende Schneeflocke, gönnen Sie sich eine gesunde Portion Blödsinn. Und ja: Bleiben Sie jung - im Kopf und im Herzen.

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