Notabene von Chris von Rohr «Diese Welt ist eine Tierfolterkammer»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die schlechten Bedingungen unserer Nutztiere und das Fehlverhalten der Menschheit.

Ein Aufschrei schallte durch das Land, als wir von der Misere auf dem Tierquäler-Bauernhof im Thurgau erfuhren. Wir sahen reale Bilder von Tieren, die mit dem Tode rangen oder den Kampf bereits verloren hatten. Obwohl ihr Peiniger einschlägig bekannt und verurteilt war, musste es so weit kommen. Falsche finanzielle Anreize halfen tüchtig mit. Erst der mediale Druck liess Taten folgen. 

Im Zuge des öffentlichen Interesses sind weitere Missstände publik geworden, die offenbar lange Zeit an tauben Ohren abprallten. Die Zeit des Aufräumens ist da. Doch wie lange hält sie an? Einer, der einen endlosen Atem hat, wenn es um Tierelend geht, ist der oft gescholtene Erwin Kessler. Seit Jahrzehnten nimmt er alle Mühen und Risiken auf sich, um den Schwächeren beizustehen. Der Zweck heiligt seine Mittel. Zahllose Anzeigen, Todesdrohungen und Gerichtsprozesse hat er durchgestanden. Ich bewundere den Mann. Als Feigheit und Gleichgültigkeit verteilt wurden, muss er gerade zu tun gehabt haben … Item.

Manch einer mag behaupten, ein Tierleben sei heute weniger grausam als früher. Ich denke das Gegenteil. Nie zuvor war die Ausbeutung unserer schwächeren Verwandten so institutionalisiert und industrialisiert. Das Menschentier hat jegliches Mass und Feingefühl verloren, und die Regale dürfen niemals leer werden. Wer Hähnchen essen will, kann nicht mit einer Cervelat heimgeschickt werden. Früher wurde nach einer Metzgete das ganze Tier verwertet. Eins ums andere zu schlachten, bloss weil der Gluscht aufs Filet am grössten ist, wäre niemandem in den Sinn gekommen, und es hätte den Bankrott des Bauern bedeutet. Was kostet heute ein Filet oder ein Entrecôte im Vergleich zu einem Rind, und wie viel davon wird überhaupt verwertet? Darüber wüsste ich gern mehr!

Das Leid der Tiere ist das Grab der Menschen.

Auch die Forschung schreckt vor nichts zurück. Die Leserin R. M. schreibt mir: «Es ist eine Schande, dass an der ETH Affenversuche im Schweregrad 3 – mit meinen Steuergeldern – durchgeführt werden. Zumal das Bundesgericht einen ähnlichen geplanten Versuch vor acht Jahren verboten hat. Das Verwaltungsgericht Zürich hat diesen Versuch bewilligt? Ich schäme mich für die Schweiz als – so glaubte ich immer – fortschrittliches Land in Sachen Tierschutz. Sogar in Deutschland sind solche Versuche mit Primaten abgeschmettert worden. Es soll endlich Geld investiert werden in Alternativforschung, welche wirklich einen Nutzen bringt und nicht am Tier als gesetzliche Alibiübung getestet werden muss. Das müsste Ihnen doch zu denken geben?» 

Das tut es. Vor allem sagt mir mein Verstand, dass Versuche an einer anderen Kreatur rein gar nichts über eine Reaktion meines Körpers aussagen und somit sinnlos sind. Mein Organismus, mein Leben und meine Ernährung unterscheiden sich ziemlich von einem Primaten. Selbst wir Menschen untereinander reagieren gänzlich unterschiedlich auf dieselben Substanzen.

Das Leid ist gross. Nur eine Minderheit der Nutztiere wird liebevoll und artgerecht gehalten. Was wir essen, ist Fleisch von ängstlichen Kreaturen, die ein Leben voller Schmerz durchlaufen haben. Kürzlich habe ich auf ARD den Film «Verheizt für billige Milch» geschaut und war geschockt. Turbomilchkühe werden ausgebeutet, bis sie unter der Last ihrer abartigen Euter zugrunde gehen und geschlachtet werden. Auch die Enthornung von jährlich 200'000 Kälbern hierzulande ist unwürdig und tierfeindlich. Sie dient wie vieles auf diesem aus der Balance geratenen Planeten nur der Industrialisierung. Immer mehr, immer grösser und immer schneller. Da gibt es nichts schönzureden: Diese Welt ist eine Tierfolterkammer mit wenig Respekt gegenüber schwächeren Spezies geworden. Und die Fleischproduktion ist aus dem Ruder gelaufen und dazu ein ökologisches Desaster.

Kürzlich schrieb ein Chefredaktor von einer «Überhöhung des Tieres und Erniedrigung des Menschen». Er irrt sich, und ich frage mich, ob sich dieser Mensch aus seinem Büro herausbewegt hat, bevor er diese Zeilen schrieb. Man sollte ihn eine Woche auf Recherche schicken. Solange wir die Tiere nicht als vollwertige Wesen mit Seele und Gefühlen sehen und auch so behandeln, sind wir alle nur hoffnungslose, unbelehrbare Verlierer – sagt auch ein weiser Mann namens Dalai Lama. Das Leid der Tiere ist das Grab der Menschen.

Und was tue ich? Ich unterstütze zwei handverlesene Tierschutzorganisationen (Citydogs 4 Streetdogs und Tierschutz beider Basel), erlöse mal einen Kettenhund in Kreta und probiere meinen Fleischkonsum im Zaum zu halten. Ich weiss, das ist zu wenig.

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