Notabene von Chris von Rohr

«Viel Tele, wenig Vision»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 66, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die «No Billag»-Initiative und erzählt von seiner eigenen SRF-Geschichte.

Ein Gast meinte kürzlich im Restaurant, er wolle einfach «e Bitz Fleisch und no Billag». Jede Sache hat mindestens drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische. Um Letztere bin ich stets dankbar. Nieder mit der Verbissenheit!

Die No-Billag-Initiative hat Verleiderpotenzial. Deswegen habe ich lange gewerweisst, ob ich mich hier noch dazu äussern soll. Ist nicht längst alles gesagt? Als Unterhaltungsdruide kann ich nicht anders – ich will auch nicht als Hösi dastehen, der selber von den Fernsehhonigtöpfen nascht und nicht in die servierende Hand beissen will.

Wir Krokussen konnten nicht wirklich von SRF 3 profitieren

Meine eigene SRF-Geschichte ist eine durchzogene. Da waren die erfolgreichen «MusicStar»-Sendungen, von denen beide Seiten profitieren konnten. Dafür ging die darauffolgende Late-Night-Kiste in die Hosen. Im letzten Jahr wurde das extern produzierte Musikformat «Songmates» ausgestrahlt – eine Feel-good-Sendung! Radio SRF 3 konnte von Anfang an nur wenig mit uns Krokussen oder Gotthard anfangen. Henu… dennoch kenne ich viele Menschen, die in diesem Grossbetrieb einen sehr guten Job machen. Es ist wie in der Wirtschaft: Das emsige Fussvolk ist total okay!

Meiner Ansicht nach haben eine aus dem Ruder gelaufene Medienpolitik, das Versagen des Parlaments und die beschämende Arroganz aus der Teppichetage der SRG diese krasse Situation provoziert. So soll in einer Sitzung kurz vor der letzten Abstimmung 2015 ein Abteilungsleiter gesagt haben: «Don’t worry, macht euch keine Sorgen, wir haben die Politiker auf unserer Seite.» Worauf ein Angestellter konterte: «Ja, aber das ist doch eine Volksabstimmung, da stimmen die Wähler ab.» Der Chef habe mit den Augen gerollt und verkündet: «Die Medien und die Politiker bestimmen, was das Volk entscheidet.» 

Stimmt die Gitarren, und sucht endlich die richtige Tonart!

Damals war das Resultat ein hauchdünnes Zufallsmehr. Bis heute aber dringt aus der Führungsetage die gleiche selbstherrliche Haltung nach aussen. Als Musiker möchte ich ihnen zurufen: Stimmt die Gitarren, und sucht endlich die richtige Tonart! Wo sind die Stilberater, wenn man sie mal braucht? Demut ist die zeitloseste Eleganz. Kleidet die männliche Führungsriege damit ein! Der Fisch stinkt stets vom Kopf her, also fangt dort an mit Massnahmen.

Das SRF-Programm ist Geschmacksache. Nebst Perlen, die es zweifellos gibt, drückt in manchen Sendungen eine kopfnickende Staatstreue durch. Dem Zuschauer wird zuweilen lehrerhaft vermittelt, was falsch (Steuern senken, Deregulierung und Juncker-EU-kritisch) und was richtig (staatsgläubig und links) ist. Vermeintliche Kenner der Wahrheit spielen gerne Scharfrichter, statt als ausgewogene Kritiker zu überzeugen. Da erkenne ich zu wenig Toleranz und Respekt für Andersdenkende. 

Der Zusammenhalt eines Staates hängt sicher nicht von einem Medium ab, das besorgen wir alle als Gesellschaft selbst. Die NZZ schreibt, dass die Linke und die Medienministerin die Kontrolle über die privaten Medien anstreben. Sie wollen diese durch ein Mediengesetz regulieren und zugleich finanziell fördern, also an die goldene Leine der Politik legen. Es drohe daher eine Staatsmedienlandschaft mit einer übermächtigen SRG und privaten Trabanten.

Ein grausliger Gedanke! Denn politisches Wissen ist in einer direkten Demokratie entscheidend. Schon fast hinterhältig wirkt vor diesem Hintergrund die Billag-Gebühr, die in eine Zwangs-Staatssteuer für alle verwandelt wurde. 

Drei Tageszeitungen, zwei Wochenmagazine und online

Nun, die Individualisierung der Neuzeit hat mittlerweile halt auch die Medien erfasst. Es ist ein unglaublicher Wandel im Gange. Neue Modelle werden geboren. Jeder kann sich sein passendes Meinungsmach- und Unterhaltungsmenü zusammenstellen. Vieles ist gratis, für anderes bezahlt man gezielt. Dieses Modell ist die Zukunft – zu viel Tele und wenig Vision und gleichgeschaltetes Radio Gaga bald die Vergangenheit. Ich persönlich informiere mich zum Weltgeschehen mit drei Tageszeitungen, zwei Wochenmagazinen und online. Das Wetter hole ich vom App, im Auto höre ich mein selbst zusammengestelltes Musikprogramm oder interessante Talks.

Ein starker Pfeiler in der Landschaft mit weniger Mitarbeiter

Trotz allen Mängeln und Fragezeichen wünsche ich mir eine öffentlich-rechtliche SRG. Aber eine schlankere, deren Leistungsauftrag und Service public glasklar neu definiert wird. Sicher kein dominierendes, arrogantes Medienmonopol, sondern ein gesunder, unideologischer, starker Pfeiler in der Landschaft. Dazu braucht es auch sicher nicht jährlich 1300 Millionen Franken aus Zwangsgebühren und keine 6000 Mitarbeiter. 

Chris von Rohr am 12. Februar 2018, 10.57 Uhr