Notabene Chris von Rohr «Wahlkrampf & Babywindeln»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 63, über den vergangenen Wahlkampf. 

So, der Wahlkrampf ist vorbei. Die unnatürlichen Grinsposen auf den Plakaten verschwinden wieder, und die Strasse präsentiert sich angenehm kopflos. Das Volk hat gewählt.

Ich kriegte in den letzten Wochen ungewöhnlich viel handschriftlich an mich adressierte Post von Absendern, deren Stimme ich noch nie gehört und deren Hand ich nie gedrückt habe. Sie wollten alle von mir in ein politisches Gremium gewählt werden. Die Plätze auf einen dieser begehrten, nobel getäferten Sitzmöbel in den heiligen Hallen der Gesetzesschmiede sind heiss begehrt. Ich musste schmunzeln, und irgendwie tun mir die Mannen und Frauen leid, denn ich trat ihre Fleissarbeit quasi mit Füssen und schmiss die Unterlagen ohne Federlesis aufs Altpapier. Aber gehen sie wirklich davon aus, dass ich zuvor niemals eine Zeitung gelesen, eine Politdebatte verfolgt und mir eine persönliche Meinung gebildet habe? Der viel gereiste Rockdruide lernt, Gesten und Worte zu deuten. Gesicht und Körperhaltung verraten mir oft mehr als Worte.

Ich würde ja gern mit dem Feuer der Überzeugung im Bauch meinem persönlichen Polit-Idol huldigen. Bloss sehe ich es nirgendwo in unserem Kanton! Ich denke an die Frauen, die vor ein paar Jahren den Friedensnobelpreis bekamen. Da kommt mir unser Politparkett vor wie eine Liebhaberbühne, wo viele schlicht den prestigeträchtigen, lukrativsten Nebenjob des Landes und nicht zwingend dessen Optimierung anstreben. Diese drei Frauen hingegen riskierten für ihren Kampf um Frieden und Gerechtigkeit tagtäglich Kopf und Kragen. Wie viel Risiko werden unsere adrett lächelnden Protagonisten einkalkulieren? Sind sie wirklich bereit, sich wie diese afrikanischen Friedenskämpferinnen gegen Filz, Misswirtschaft und Frevel zu engagieren und das Ringen mit grösseren Mächten, wie etwa der uferlos wuchernden Bundesverwaltung, aufzunehmen?

Political Correctness ist für mich nur ein anderes Wort für Humorlosigkeit

Unserer Regierung fehlt in den satten Jahren eine gewisse Dringlich- und Persönlichkeit. Ihre Politik ist ein Light-Produkt, bequem gebettete Berufspolitiker und Musterschüler, weder besonders selbstbewusst noch sturmerprobt. Und dadurch meist auch profillos. Political Correctness ist für mich nur ein anderes, konservatives Wort für Humor- und Eierlosigkeit. Ja keine heissen Eisen anpacken oder sich die Finger verbrennen beim Beseitigen von Dreck. Etwas metaphorischer drückt es der portugiesische Dichter Eça de Queiroz aus: «Politiker sind wie Babywindeln: Früher oder später stinken sie alle.» Ich will ihm nicht widersprechen.

Ich vermisse Lichtfiguren: Menschen, die zwar nicht übers Wasser laufen und keine Krankheiten heilen können, aber solche, die durch Taten auffallen - nicht durch teure plakative Drucksachen und Windfahnengehabe. Ich stelle mir Charaktere vor, die freihändig, unabgelesen, in starken Worten und Sätzen sprechen, in denen man nicht missverstehen kann, wofür sie einstehen und wofür sie sich niemals hergeben werden. Und vor allem Persönlichkeiten, die glasklar erkennen, wo genau die Schweiz in ihrer langen Geschichte heute steht und was es zu bedenken und konkret zu tun gibt. Ich hoffe inständig, diese Sorte Mensch befindet sich unter den Neugewählten.

Nicht alle wollen es sehen, aber wir sitzen in einem Schloss, in dem Dachstock und Isolation langsam leck und spröde sind und das Fundament erschütterlich. Es liegt ein Gefühl der Ungewissheit in der Luft, eine stille Furcht vor dem grossen Unwetter, seitdem die einst verlässlichen Wahrheiten und Überzeugungen nicht mehr mit Entschlossenheit vertreten werden. Wir leben in einer gefährlich verrückten Zeit, da scheint niemand mehr Hausherr zu sein. Kluge Menschen zucken nur noch mit den Achseln und geben zu, dass sie benommen und verwirrt sind - die Chefpiloten haben den Kompass verloren. Machen wir uns nichts vor: Die nächsten Stürme werden kommen und mächtig an unserem Palast rütteln. Eine fitte, wache, schlagkräftige Regierung wäre in dieser hoch verschuldeten und überregulierten Beamtenwelt dringend vonnöten! Wir dürfen nicht alles auf zukünftige Generationen abwälzen.

Es ist mir klar: Auch in der Politik gibt es einen Fachkräftemangel, aber hie und da geschieht ein Wunder, und ein paar unverwüstliche, geniale Diamanten tauchen aus dem trüben Nebel auf und erstaunen uns alle. Solche, die das Leben nicht nur aus Büchern, Lernstuben und Anwaltskanzleien kennen. Daran will ich gerne weiterhin glauben, und ich danke ihnen schon jetzt für ihren unermüdlichen, wertvollen Einsatz.

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