Notabene Chris von Rohr «Höhlenbewohner mit Flatscreen»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 63, über einen Bundesrat, von dem wir nicht zu viel erwarten sollten.

Weltweite Terror-Attentate, Flüchtlingsströme, Bob Dylan... Ich schaue zum Fenster hinaus. Die letzten Herbstblätter verlassen ihre Wirte. Ich bin froh, im ruhigen, geheizten Raum meinen Eisenkrauttee schlürfen zu können, und lasse meine Gedanken bummeln.

Bundesratswahlen. Das Thema ist ein Evergreen. Ich habe bis anhin fünf Bundesräte persönlich getroffen: Nello Celio, Willi Ritschard, Adolf Oggi, Christoph Blocher und Ueli Maurer. Durch sie bekam ich etwas Anschauungsunterricht und ein paar Eindrücke zu den Menschen und diesem Job. Viele andere nahm ich durch die Zeitungen und ihre TV-Auftritte wahr. Ihre Körpersprache sagte mir oft mehr als ihre Kommentare.

Nüchtern gesehen ist der Bundesrat eine auf vier Jahre hinaus gewählte siebenköpfige Kollegialbehörde, die den ihnen zugeteilten Departementen vorsteht. Gemeinsam werden Entscheide gefällt, die auch von jenen Bundesräten vertreten werden müssen, die sie eigentlich ablehnen. Kollegialitätsprinzip heisst dieser bizarre Umstand, der zu vielen Diskussionen Anlass gibt. Dazu herrscht in diesem Land eine Konkordanzdemokratie - wieder so eine verklumpte Buchstabensuppe! Darunter wird der Wille verstanden, möglichst viele verschiedene Parteien in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Ab 1959 hat sich meist ein Verteiler gebildet, der den drei wählerstärksten Parteien je ein «Päärli» Sitzmöbel und der viertstärksten einen Einzelstuhl garantiert. Das 2-2-2-1-System nennt man die Zauberformel - dieses Wort federt wesentlich angenehmer im Innenohr.

Realistisch gesehen verteilt sich die Macht und das Sagen zu etwa gleichen Teilen auf Bundesrat, Parlament und Verwaltung. Der Bundesrat ist von verschiedenen Seiten unter Beobachtung. Innerhalb vom Parlament, das seine Vorlagen immer häufiger stoppt, und ausserhalb von der EU, der OECD und den USA, die Druck ausüben.

Eigentlich wären die sieben Bundesräte die bestbezahlten Diener der Bevölkerung, die gemäss Abstimmungen die Interessen und Anliegen ihrer Wähler vertreten sollten. Tun sie das? Ich habe den Eindruck, das Gremium habe wenig Wolfsblut bzw. Instinkt, und es scheint etwas unbeholfen bis eingeschlafen. Das wundert mich aber nicht. Stellen Sie sich vor, Sie werden von einem Tag auf den andern vom Feld-Wald- und-Wiesen-Politiker, Juristen oder Pianisten in eine gesellschaftlich hochalpine Position gehievt, wo es Ihnen angesichts der dünnen Luft schwindlig werden kann. Plötzlich haben Sie einen Butler (genannt Weibel), rund um die Uhr einen Chauffeur mit Limousine, eine halbe Million Franken Grundgage, und man umschmeichelt, hätschelt und hofiert Sie.

Was den neuen Bundesrat angeht, dürfen wir nicht zu viel erwarten

Solche Katapulte sind nicht bekömmlich, und die freie Atmung ist bedroht. Extrem charakterstarke und fokussierfähige Persönlichkeiten sind da gefragt, die nicht so schnell den Bezug zum Fussvolk in den Niederungen verlieren. Es ist ein völlig anderer Trip, ob man am Morgen verkehrsgestresst die Tür ins Geschäft aufstösst oder ob man im wunderschönen Berner Bundeshaustempel von Miss Moneypenny mit warmem Kaffee, frischen Gipfeli und den Worten «Einen schönen guten Morgen, Herr/Frau Bundesrat» empfangen wird. Das sind zwei Welten!

Meine Erkenntnis in all den Jahren, wo ich mich mit dem Thema Politik befasse: Es gibt, etwas vereinfacht gesagt, zwei Typen Volksvertreter - solche, denen es vor allem um ihre Karriere, ihr Amt und den Machterhalt geht, und die anderen, die wirklich alles geben, damit die Probleme in unserem Land gelöst werden, und die auch bereit sind, die heissen Eisen anzupacken, und nicht nur davon reden. Diese zweite Sorte Personen ist rar, weil ihr Weg ein undankbarer und beschwerlicher ist. Aber es gibt sie. Jene, die, kaum gewählt, nicht vergessen, was eigentlich ihr Auftrag ist. Ich ziehe mein Kopftuch vor diesen Schwerstarbeitern.

Was den neuen Bundesrat angeht, dürfen wir nicht zu viel erwarten. Wenn wir aber Glück haben, setzt sich vielleicht ein Protagonist durch, der Ecken und Kanten hat, Wirtschaftskompetenz, Verhandlungsgeschick und Führungsqualität. Einer, der unsere Wohlfühlregierung etwas aufschreckt. Es wäre unserem Land zu gönnen, denn eines sehe ich als glückliches Gewächs der ersten «Generation Sorgenfrei» kommen wie den nächsten Stundenschlag: Bald bricht eine Zeit an, die an Herausforderungen kaum zu überbieten sein wird. Nebst all der Weltenschönheit ist da diese Grausamkeit. Auch wenn wirs gerne anderes hätten, der heutige Mensch ist letzten Endes nichts anderes als ein keulenschwingender Höhlenbewohner mit Flachbildschirm. Machen wir uns also nichts vor!

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