Notabene von Chris von Rohr «Liebe ist...»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Liebe. Darüber, was er liebt, und darüber, wie Liebe in Hass umschlagen kann. 

Die Liebe ist das Amen des Universums», sagte der Dichter und Philosoph Novalis (1772–1801). Als ich dieses Zitat vor ein paar Tagen auf dem Kalenderblatt las, kribbelte es auf meiner Haut. Von den weisen Phrasen, die von anderen Druckerzeugnissen und Internetportalen an meine Augen dringen, wende ich mich meist ab. Entweder es ist Werbung, die ich nicht brauche, oder Pseudo-Lebensweisheit, die nichts bringt. Aber diesmal fand ich wirklich, dass damit alles gesagt ist. Trotzdem sinnierte ich weiter darüber. 

Liebe ist und war mein Motor im Leben. Was nicht direkt oder indirekt der Nahrungsaufnahme diente, tat ich letztlich aus Liebe. Dabei erfuhr ich die unterschiedlichsten Formen davon. Ein Blick in die Augen eines kauenden Geissleins, das am Weidenzaun stand - und ich liebte es vom Fleck weg. Auch Unsichtbares liebte ich. Eine warme Stimme, eine Wortwahl oder eine Handvoll Töne, in die ich mich verliebte. Ich liebte Personen, deren Haut ich nie gestreichelt hatte, und es erfüllte mich. 

Sogar ein paar meiner Gegner mag ich gut leiden. Der Disput mit ihnen bereichert mich. Oder ein nörgelndes Kind. Vielleicht vermochte es mich nicht zu nerven, weil mich der Prozess der Menschwerdung, wo es gerade drin steckt, fasziniert. Und weil für mich das Kind eh nie schlecht oder falsch ist. Kindern die Schuld zuzuschieben für defizitäre Umstände, ist schwach. Auch Gegenstände und scheinbar Totes liebe ich. Eine alte Holzbank, ihre Struktur und ihren Geruch. Oder all die Blumen, die so viel sagen in Form und Farbe, und natürlich Bilder davon. Dasselbe gilt für meine alte Gitarre, meine LPs und meine liebsten Bücher - ich kann nicht ohne sie leben.

Ich liebe und zelebriere die Schönheit, die diese Welt uns bietet, und scheitere zwischendurch auch grandios, wenn ich Schönheit und Wahrheit verschmelzen will. Ich nehme mich in acht vor Menschen, die Beauty und Liebe nicht sehen und nie lachen. Je mehr ich aber die Dinge und Kreaturen dieser Welt liebe, desto besser gefalle ich mir. Wer nicht liebt, ist vorgezogen tot. So liebe ich lieber und nehme es gern an, wenn es zurückkommt. Und geliebt zu werden, ist halt schon grossartig und fühlt sich auch gut an. Wer würde da widersprechen wollen?

Trotzdem sind Menschen fähig, einander mit zuweilen beeindruckender Originalität zu plagen. Das Verletzen und Demütigen scheint ihnen derart viel zu geben, es ist oft kaum zu glauben. Man erzählt mir von einer Frau, die einen Haufen Habseligkeiten ihres Partners an seinen Arbeitsplatz geschleppt und sie ihm vor den Augen der Kollegen und Kunden vor die Füsse geschmissen hat. Ein anderer soll seiner Exfrau permanent Dildos und andere Artikel aus demselben Marktsegment auf ihre Rechnung zuschicken lassen. Hoffentlich findet sich jemand, der solche verbitterten Seelen genug lieben kann, um sie von ihrem destruktiven Rachewahn abzubringen. 

Noch schrecklicher finde ich die Fälle von Scheidungskriegen, in denen die Kinder aus lauter Selbstsucht der Eltern übersehen werden. Jüngst fand eine Lehrabschlussfeier statt, wo der junge Erwachsene zwischen zwei verschiedenen Tischen im selben Saal hin- und herpendeln musste, um sich den zerstrittenen Parteien gleichermassen zu widmen. Der Jüngste mit der bescheidensten Lebenserfahrung verhielt sich also am diplomatischsten und rücksichtsvollsten, die Ältesten taten am dümmsten. Im Leben dieser jungen Menschen wird jedes im Grunde erfreuliche Ereignis überschattet und torpediert. Hier ist es verunglückte Eitelkeit, die im Wahnsinn gipfelt, jemanden für etwas bestrafen zu wollen – blind für die Tatsache, dass die Falschen geschädigt werden. Ich frage mich: Wie kann der Beschluss, zornig sein zu wollen bis zum Tode, so viel Macht über einen Menschen haben? Wo doch das Nicht-Vergeben einem selbst mehr schadet als dem Gehassten.

Irren ist menschlich, vergeben ist göttlich, lautet vielleicht die wichtigste Weisheit, um Frieden zu erlangen – weltweit! Ich wünschte, ich könnte all die Neider, Kaputttreter, Moralisten und humorlosen Miesmacher dieser Welt an einem Schoppen mit Liebeselixier nuckeln lassen. Läck, würde es uns allen wohlen!

Viel Geduld brauchts bei den ewigen Zynikern und «Gutmenschen», jenen, die glauben, dass nur sie auf der richtigen, das heisst guten Seite stehen, aber selber leider selten wirklich Gutes oder Sinnvolles für andere tun. Da kann man den Schoppen ruhig auch mal zur Seite legen und zwischenzeitlich mal ein dezidiertes «Nein» aussprechen. Das gehört nämlich auch zur Liebe. 

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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