Notabene Chris von Rohr Beerenstark

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor, sinniert über vergessene Stachelbeeren, kämpferische Brombeeren und wasserarme Sommer.

Nach einem Konzert in Tschechien gabs am Frühstücksbuffet nicht eine einzige Frucht, und das mitten im Sommer! In meinem Garten wachsen rote «Chruseli». Ich erzählte davon und schaute sogleich in ein verwirrtes Gesicht. «Stachelbeeren» ergänzte ich in Schriftsprache. Immer noch Bahnhof. Potztausend, dachte ich, etwas so Feines kann man doch nicht sein Leben lang verpasst haben! Ich brachte dann noch meine Meertrübeli ins Gespräch, und als ich deren korrekten Namen Johannisbeeren nannte, entspannte sich der Dialog endlich.

Diese beiden Beerensorten, die beim Zerbeissen im Mund so lustig sauer an Gaumen und Halszäpfli spritzen, scheinen eine Randgruppe geworden zu sein im sommerlichen Obstkonzert. Soll ich für sie eine Selbsthilfegruppe gründen? Vielleicht könnte man Cassis und Walderdbeeren mit einem Beitrittsformular ermuntern, ebenfalls beizutreten.

In meiner Kindheit waren diese Stauden- und Heckenschätze noch in aller Munde. Haben die Menschen im Laufe ihres Eiscremelebens so süsse Zungen erworben, dass sie meine Begeisterung nicht mehr teilen können? Wie auch immer - ich kann es nicht unterlassen, hier einen Werbeblock für diese Genussperlen zu platzieren: Laufen Sie, sammeln oder kaufen Sie wieder einmal ein Beerenbouquet! Mischen sie alles durcheinander: Him-, Heu-, Erd- und Brombeeren, Chruseli und Meertrübeli, alle Farben bunt gemischt. Genehmigen Sie sich ein Schälchen davon auf Balkonien oder in der Hängematte unter Herr und Frau Amslers Gesang, und schicken Sie bitte alle Fernsehköche wieder zurück an ihren eigenen Herd.

Schicken Sie alle Fernsehköche zurück an ihren eigenen Herd

Essen ist eine wunderbare Sache, finde ich, und im Sommer die unkomplizierteste überhaupt. Der Garten ist ein Selbstbedienungsbuffet. Alles, was die Schnecken übrig lassen, lässt sich umgehend mit einem Schuss Salatsauce, Olivenöl, auf Kuchenteig mit einer Prise Zimt oder nature verwerten. Wer die Gegend noch mitheizen will, entfacht ein kleines Feuerchen unter den Speisen und erfreut sich später am Aroma von Freiheit und Abenteuer. Haben Sie auch schon Wassermelonenschnitze grilliert? Ein Erlebnis! Als zusätzliche Geschmackserfahrung empfehle ich die mit Grand Marnier flambierte Variante. Und wenn Sie es nicht lassen können, tun Sie halt noch ein Glace dazu. Bei Tageslicht dann können Sie die Pflaumen und Zwetschgen verküecheln. Oder die Walliser Aprikosen, die heuer ein paar Sommersprossen abgekriegt haben und eben von einem sympathischen Grossverteilerdruiden aufgekauft und mit dem Label «Ünique» versehen worden sind. Das lauwarme Mus aus den Klaräpfeln können Sie übrigens auf einen knusprigen Bitz Brot streichen oder zu einer gerösteten Banane schlemmen.

Sagen Sie jetzt bloss nicht, Sie hätten noch Lust auf Bratwurst oder Hotdog!? Beleidigen Sie mir nicht meine eh schon an den Existenzrand gedrängten Chruseli. Ich sage Ihnen, das käme gar nicht gut. Stellen Sie sich vor, die Beeren machen mobil und greifen an. Wehe, wenn sich all diese stacheligen Hecken mal auf den Weg machen, die Stadt einzunehmen. Meiner Erfahrung nach wächst eine Brombeerstaude durch jede Ritze hindurch, wenn sie will, und sollten dann die prallen Meertrübeli platzen, dann können Sie gleich den Maler bestellen! Apropos malen: Nein, ich male nicht schwarz. Jede Kultur kann austicken, wenn man sie zu lange unterdrückt und ihr Respekt und Wertschätzung verweigert. Deswegen lassen wir es besser nicht drauf ankommen und ernten und geniessen, wo wir können. Und machen eventuelle Obstbanausen mundtot - bevor die Chriesi krachen.

Nun, irgendwie ist mir heiss um die Stirn... Mein Thermometer zeigt derzeit täglich um die 30 Grad Celsius an. Ich habe gehört, zu viel Hitze könne die Menschen zu Fantastereien und Blödsinn anregen. Ich finde das äusserst spannend und bedaure, dass dieser Zustand bei mir noch nicht so richtig eingesetzt hat. Zu gerne würde ich Zeuge dieses Phänomens werden! Und selbstverständlich das Erlebte gleich niederschreiben, damit Sie teilhaben können, liebe Leserschaft.

Aber jetzt will ich erst mal im Garten nachschauen, ob die Flora durstig ist und Lust hat auf das Regenwasser von vorletzter Woche. Bald wird es ausgehen, wenn die Blumenkohlwolken doch wieder unverrichteter Dinge weiterziehen und der Gewitterregen ausbleibt. Dann wird auch mein fruchtiger Gartensaftladen einen Engpass erleiden, wenn wir mit der Nässe sparen müssen. Henu - jeder Tag hat seine Nacht und jeder Spitzensommer seinen Wassermangel. Noch ist es glücklicherweise nicht brenzlig, und wenn ich die Aare so gediegen dahinfliessen sehe, erscheint mir die Vorstellung eines Wassermangels ziemlich abstrakt. Ich kann gar nicht anders, als mich an der warmen, bunten und spritzigen Welt, so wie sie gerade ist, zu erfreuen. Und der letzte Nichtsommer ist längst vergessen. Zum Glück.

Im Dossier: Alle Beiträge der «Notabene»-Autoren Chris von Rohr, Pedro Lenz und Helmut Hubacher.

Auch interessant