Notabene Chris von Rohr über Musik als Medizin

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Gewalt auf der Welt und wie er mit seiner Musik einen sorgenfreien Moment gewinnt.

Wi-de, wi-de wie sie mir gefällt! Pippi Langstrumpf hat recht mit ihrer Ansage. Was will man sonst tun?

Kaum ein paar Stunden vergehen, ohne dass irgendeine widerliche Nachricht von durchgeknallten Artgenossen auf unsere Seelen niederprasselt. Fröhlich bleibt da nur ein Mensch, der über keine ausgeprägte Vorstellungskraft und Empathie verfügt und sich damit trösten kann, dass alles Hässliche weit, weit weg geschieht. Denn es wird massakriert, beschnitten, in die Luft gejagt, abgeknallt oder zwangsverheiratet, dass bereits das Lesen solcher Nachrichten einen körperlichen Schmerz in mir auslöst.

Mitläufer sind gefährlich

Menschen, denen das Denken nicht recht gelingen will, können hemmungslos zerstören, und sie eignen sich hervorragend zum Mitläufertum. Diese Spezies ist hochgefährlich! Denn ohne das gehorsam nickende Segment der Bevölkerung wäre es unmöglich, Kriege zu führen. Das Verrückte ist, dass solche Kreaturen tatsächlich glauben, sie seien dazu auserwählt, andere aus der Fahrbahn zu kicken und die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu regeln. Ihr Gehirn ist mit Bosheit gewaschen … Vielleicht wurde es zuvor mit Bier ausgeschwemmt. Ob im Namen Allahs, Marx’ oder Peter Pans, für den favorisierten Tschuttiverein oder fürs Prinzip – irgendwas zum Vorschieben findet jeder, der Freude daran hat, andere zu quälen. Keiner der Übeltäter sagt: «Hallo, mein Name ist Lümmel Junior, und ich entgleise, weil ich scharf darauf bin, echtes Leiden zu sehen.» Möglicherweise spielt ein gewisser Neid mit. Wer es zu nichts gebracht hat, wird sabotagelustig.

Es wird massakriert, beschnitten, in die Luft gejagt, abgeknallt oder zwangsverheiratet

Selig sind die geistig Armen. Aber ich vermute, der Himmel ist ausgebucht! Was soll man mit dieser Menge an krimineller, zerstörerischer Energie tun? Es wird sich niemand anerbieten, die ganze Dschihadistenbrut zum Einzelgespräch vorzuladen und jedem von ihnen die Leviten zu lesen. Ich hege immerhin die leise Hoffnung, dass die Sürmel, die in Hamburg gewütet haben, irgendein resolutes Grosi haben, das ihnen in breitem Dialekt die Tassen geordnet in den Schrank stellt. Von mir aus dürfte man sie auch gern nach Gallien zu Verleihnix schicken, wo sie einen stinkenden Fisch um die Ohren gehauen bekommen. Amen.

Ich vermute, der Himmel ist ausgebucht!

Gerade kommt mir in den Sinn, dass Gewalt eben keine Lösung ist. Dennoch gefällt mir die Vorstellung vom Fisch und den autonomen Kapuzenbubelis. Ich bitte um Vergebung. Bevor ich im Elend über die Hausbar herfalle, höre ich lieber auf Pippi. Denn in solchen Situationen ist es auch für mich das Beste, ich mache mir die Welt so, wie sie mir gefällt. Dafür trete ich durch ein fiktives Tor in mein Wunderland. Ich brauche nur die Gitarre zur Hand zu nehmen oder Helge Schneider und die Rolling Stones durch meine Stube fegen zu lassen. Dann bin ich sofort wieder in guter Gesellschaft. Alle Probleme können mit Musik zwar nicht gelöst werden, aber dennoch fühle ich Wärme und Geborgenheit, der Schmerz lässt nach, und die Seele heilt.

Musik löst zwar keine Probleme, aber tut gut

Kürzlich wurde ich für die TVSendung «Songmates» in ein Hotelzimmer bestellt. In dieser Sendung werden zwei Musiker mit sich und der Aufgabe konfrontiert, innert 48 Stunden einen Song zu produzieren. Ich traf auf meinen geschätzten Kollegen Roman Camenzind und überfiel ihn mit der spontanen Idee, mit a-Moll, e-Moll und dem Mantra «Mia Cara» die aktuelle sommerliche Stimmung aufzunehmen. Er wurde mit meinem Input sofort warm, und so verlegten wir unser Atelier gleich an das Zürcher Seeufer. Dort sprach ich die anwesenden sonnenanbetenden Menschen an und liess sie etwas singen oder hauchen. Neugier und inneres Feuer trieben uns an, und wir nahmen sogar das Seegeplätscher und ein paar Veloklingeln mit dem Handy auf. Was mich umhaute, waren nicht unbedingt die menschlichen Stimmen – obwohl sie durchaus sexy und verführerisch klangen. Das Überwältigende war die Freude und die Authentizität. «Mia Cara» entstand wie von selbst. Es ist das wahre Leben an einem Sommertag, in einem Song abgebildet – so, als hätten wir ein klingendes Foto gemacht.

Wer es zu nichts gebracht hat, wird sabotagelustig

Auch bei unseren Krokus-Livekonzerten darf ich immer wieder zusammen mit meinen Freunden diese einmalige Kraft und Begeisterung erleben. Es macht mich jedes Mal überglücklich, weil ich mit diesem Meer von Menschen mitten in der konfusen, verhärteten Welt etwas Fröhliches teilen kann. Wir machen uns die Welt für ein paar Stunden sorgenfrei. Dann komme ich mir nicht allzu nutzlos und überflüssig vor. Meine eigene Medizin wird zur Kollektivmedizin und geteilte Freude zur Bruttosozialfreude. Wie geil ist das denn, Pippi?

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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