Notabene Chris von Rohr Rom, wir kommen!

Chris von Rohr, 62, Musiker, Produzent und Autor über eine selbstzerstörerische und unausgeglichene Welt.

Mit der Band reiste ich durch die endlosen Weiten von Deutschland. Zwischen den Städten kann man gut und gerne mal zwei Stunden durch nahezu unbewohnte, grüne Gegenden fahren. Ich schaute wehmütig aus dem Busfenster und dachte an die Zeit zurück, wo bei uns eine Fahrt durchs Mittelland auch noch anders aussah und jedes Jahr eine neue überwältigende Stones- und Beatles-Scheibe auf mich wartete. Ich weiss: Nostalgie ist das Heroin der Alten. Ich gönne es mir.

Kaum zu Hause, las ich folgende Schlagzeile: «Der Jobmotor brummt - 40 000 neue Arbeitsstellen - Pharma, Baugewerbe und Uhrenindustrie schaffen wieder neue Stellen.» Die Wirtschaftsredaktorin der zitierten Zeitung frohlockte. Nachfrage, Nachfrage… Hier läufts wie verrückt, und im nahen Ausland harzt es. Da überschwemmt die Zentralbank die Münzhütten mit «künstlichem» Geld, und die Zinsen nähern sich dem Minusbereich. Ich vermisse bei der Lektüre Bedenken über dieses Wachstumsdoping. Doch anscheinend muss das so laufen. Denn die Wirtschaft schreit auf, wenn das Wort Reduktion fällt. Der Motor darf nicht stottern. Also mit vollem Karacho in die unübersichtliche Kurve blochen. Mehr Konsum, mehr Wohlstand, mehr Nutzen, mehr von allem.

Aber wollen das wirklich alle? Wollen wir ein Little Singapur? Jobwunder auf Kosten der Lebensqualität - Hauptsache, der Motor hat gebrummt? Ich hege Zweifel und sehe da gerade etwas verschwinden - Dinge, die auf keiner Bilanz erscheinen und mich täglich erden: Ruhe, Platz und das paradiesische Grün mit seinen Kreatürchen.

Jobwunder auf Kosten der Lebensqualität - Hauptsache, der Motor brummt?

Zu meinem Glück lese ich auf der Seite 3 ein paar gehaltvolle Gedanken von meinem Kolumnenkollegen Helmut Hubacher. «Die Schweiz hat einen Ausländeranteil von 23 Prozent. Sie ist nicht fremdenfeindlich.» Und: «Es ist alles eine Frage des Masses.» Ich erinnere mich der Worte, die Hermann Hesse schon vor 70 Jahren schrieb: «Die nützlichen Erfindungen und das uferlose Wachstum haben nicht nur hübsche Weltausstellungen und elegante Automobilsalons zur Folge, sondern auch Heere von Arbeitern mit blassen Gesichtern und elenden Löhnen. Es folgen ihnen Krankheiten, Verödung und Verkümmerung der Seele, Streik, Kriege und die Zerstörung der Erde.»

Ich denke, ich kann die Zeichen erkennen, die er gemeint hat. Die eine Hälfte der Welt kämpft mit Hunger, Durst, Korruption, Armut und Krieg. Milliardenbeträge landen bei Einzelpersonen und dubiosen «Hilfs-Organisationen» ohne jegliche Transparenz. Ganze Länder hängen am Tropf, während die andere Hälfte der Welt sich mittels Grössen-, Fett- und Konsumwahn erdrosselt. Es ist bezeichnend, dass das stärkste Stellenwachstum hierzulande - abgesehen vom Verwaltungsapparat - im Gesundheits- und Sozialwesen stattfindet. Dieser Lebenswandel, die Vergötterung der Habe, die Selfiementalität und die Vernachlässigung der Kinder fordern ihren Tribut. Höhere Steuern, Abgaben und Krankenkassenprämien plagen uns. Und die Schweiz hat weltweit eine der höchsten Verschuldungen pro Nasenbein. Viele Junge umgehen die Jobs, wo man sich mit Dreckigem beschäftigen muss. An ihrer Stelle wirken willige und billige ausländische Arbeitskräfte. Alte werden frühzeitig aussortiert.

Die Jungfüxe nehmen es, scheint mir, lockerer - das ist ihr Recht und irgendwie ein schöner Vorteil der Jugend. Man sieht die Gefahren erst gar nicht und läuft schier traumtänzerisch durchs Minenfeld. Das Tanzen auf dem Vulkan hat auch seinen Reiz. So lange alles recht geschmeidig läuft und die Regale voll sind, sorgen sich nur die endogenen Schwerenöter. Wir älteren Routiniers sollten es jedoch besser wissen und vor allem weiser handhaben. Letzthin vertrat eine adrette Soziologin die These, dass diese ganze Entwicklung völlig normal verlaufe - analog zum alten, untergegangenen Rom: Wachsende Staatsausgaben implizierten Staatsschulden und explodierende Staatsbürokratie, so sprach sie. Dann folgten die zunehmende Steuerbelastung, eine sinkende Geburtenrate, fortschreitende Überfremdung und zunehmende Kriminalität. Ferner der Verfall von Bildung, Ethik und Moral und der Rückzug von Edlen und Weisen aus dem öffentlichen Leben. Natürlich können wir in den Lauf der Welt nur beschränkt eingreifen, ma Lady, aber wir können doch etwas Gegensteuer geben, entgegnete ich. Sie lächelte mich mitleidig an. In ihren Augen las ich: «Dream on, Chrisibär.»

Well, ich probiere dieser Wohlstandsnarkose gern zu entkommen. Zuweilen glaube ich, es gelinge, und ich sprenge lustvoll die Konsum- und Stressketten. An anderen Tagen trotte ich wieder fröhlich singend und pfeifend dem Bigger Bang entgegen. Na ja, Brot und Spiele gehörten auch zum alten Rom… Steht das Bier schon kalt? Nein, das andere - dieses mag ich nicht. Wer kickt denn heute am brodelnden Zuckerhut für uns? Aber bitte nicht auf dem Schweizer Gähn-TV-Kanal!

Alle «Notabene»-Artikel von Chris von Rohr und Co. finden Sie im SI-online-Dossier.

Auch interessant