Notabene Chris von Rohr Struppelpeter for President!

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor, schreibt über Struppelpeter, der seine empathischen Fähigkeiten förderte. Auch seinetwegen hat von Rohr Mühe mit Hierarchien, Standesdünkel und Mitläufertum.

Ich erinnere mich haargenau: Das Buch war aus dickem Karton, mit gelbem Hintergrund. Darauf abgebildet der Protagonist - ein komischer Bub mit rotem Hemd, überlangen Fingernägeln und unglaublichem Haarschopf. Struppelpeter. Und ich sollte ihn nicht mögen, denn er ist ein unfolgsamer Querschläger.

Nun, die erzieherische Absicht dieses literarischen Werkes hat bei mir voll fehlgeschlagen. Der Wuschelkopf des Peterli gefiel mir. So einer gab meiner Erfahrung nach warm, und man konnte sich unter anständigen Fransen bei Bedarf ein bisschen zurückziehen - zum Beispiel vor lästigen Tantenblicken, die einen nach Wachstum, Backenfarbe und Fettanteil beurteilen wollten. Und böse fand ich Struppelpesche schon gar nicht, warum auch? Er war doch im Grunde ein Armer, denn mit diesen Klauen blieb ihm vermutlich fast alles Spassige verwehrt. Ein Legohaus bauen, Ball spielen oder Büechli schauen musste für ihn unmöglich sein. Okay, ein bisschen gruusig fand ich seine schlangenartig gewundenen Fingernägel schon, aber mein Mitgefühl war stärker. Somit wurde die Entwicklung meiner empathischen Fähigkeiten wohl durch diese Geschichte mehr gefördert als meine Ader für Gehorsamkeit.

Bis zum heutigen Tag halte ich mich von organisierten Personengruppen, Vereinen, Parteien und weiteren Gleichschrittmachern fern. Ich habe Mühe mit Hierarchien, Standesdünkel und dem Mitläufertum. Letzteres ist für mich sogar gemeingefährlich. All die abgedrehten Menschenmänner (Entschuldigung, aber es handelt sich halt mehrheitlich um das testosteronreichere Geschlecht), die hilflose Menschen in Gaskammern getrieben oder im Vietnamkrieg den mausarmen Bauern die Hütten abgefackelt haben, waren äusserst folgsame Personen. Sie haben sich durch ihre Bereitschaft, sich unterzuordnen und auf Geheiss irgendeines Schreihalses blind loszurennen, hochgearbeitet. Vom Hörensagen haben sie gelernt, dass es einen Feind gibt, der die Absicht hegt, sie um die Ecke zu bringen, falls sie ihm nicht zuvorkommen. Und gehört hat man es von Leuten, die wahnsinnig Bescheid wissen. Als kleiner Outsider hat man schliesslich keine Ahnung, was Sache ist. Das mit den Feinden und den Spionagediensten ist ja eine hochgeheime, unter Eingeweihten abgekartete und spannende Materie, die nur den ganz Grossen mit den meisten Schulterstreifen bekannt ist. Was bleibt also dem kleinen Mann anderes, als zuzuhören?

Ich habe Mühe mit Hierarchien, Standesdünkel und dem Mitläufertum

Erst hat Mutti gesagt, was zu tun ist. Dann die Lehrerschaft, der Pfadileiter, die irdischen Vertreter vom lieben Gott und später eben die uniformierten Leitfiguren mit dem selbstsicheren Auftreten, den tiefgefrorenen Blicken und entschlossen vorgetragenen Instruktionen. Einer allein kann unmöglich einen Krieg anzetteln, wenn ihm alle den Vogel zeigen und davonlaufen. Wer bereitwillig einsteigt, der hat entweder keine Zukunft, wenig Wissen oder offensichtlich keine Möglichkeiten, sein Leben sinnvoller zu gestalten. Sprengt er hundert Menschen und sich selbst in die Luft, warten zehn Jungfrauen im Jenseits. Stürzt er sich tollkühn in einen Kugelhagel, winken Ruhm und Ehr von der ganzen Sippe. Natürlich ist dies eine vereinfachte Erklärung der Sachlage, aber im Kern wahr und traurig, wir müssen nur schauen, was in dieser Welt jeden Tag passiert.

Satire sei die Überzeichnung der Wahrheit bis zur Kenntlichkeit, habe ich mal irgendwo gelesen. Seitdem habe ich keine Skrupel mehr, ab und zu richtig reinzuhauen in der Schilderung dessen, was mein unbedarftes Auge beobachtet und mein begrenztes Menschenhirn denkt. Habe ich früher ganz verstohlen mit unpopulären Gedanken Jo-Jo gespielt, so kicke ich sie heute recht ungeniert ins Spielfeld und verfolge gespannt den Effekt.

Erinnern Sie sich an das Märchen «Des Kaisers neue Kleider»? Manchmal muss einfach ein ungezogenes Gör herausposaunen, dass der wichtigste Mann im Umzug füdliblutt ist. Erst dann ist sich auch der Rest sicher, dass er nicht von den eigenen Augen angelogen wird. Wer ergeben nickt, schränkt sich nicht nur selber ein - er fördert Unrecht und Regententum mit Fleiss! Und zusammen mit anderen bildet man dann letztendlich die Lölimasse, die ganz praktisch zum Anfeuern benutzt werden kann.

Erst wenn irgendein Struppelpeter sich den Anweisungen widersetzt hat, haben wir die Wahl. Er öffnet uns die Tore zur Unabhängigkeit. Ohne die widerspenstigen Bengel von einst wären nicht einmal die Legenden und Mythen der Musketiere, von Robin Hood oder Wilhelm Tell erfunden worden, und wir würden immer noch in gebückter Haltung den Zehnten im Geldsäckel abliefern und mit Beinschinken zum Pfarrer oder Dorfschullehrer laufen. So ist das.

Fürchten müssen wir uns nur vor den manipulierten Gleichstromstramplern, Moralisten und religiösen Fanatikern in dieser Welt, sicher nicht vor den rebellischen Kids mit angeblichem Fehlverhalten.

Im Dossier: Alle Beiträge der «Notabene»-Autoren Chris von Rohr, Pedro Lenz und Helmut Hubacher

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