Notabene Chris von Rohr Die Ritter der Kokosnuss

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 62, über den Regulierungswahn und die Abzocker in der Politik.

Danke, dass Sie an der Zukunft der Schweiz mitwirken», meinte Bundespräsident Didier Burkhalter bei seiner Neujahrsansprache. Ich lag auf meiner Denkercouch und sinnierte darüber, was der Aussenminister uns damit sagen wollte. Zwei Riesenraben flogen am Fenster vorbei. Ich nahm ein paar Artikel der letzten Wochen zur Hand und staunte, was da alles drinsteht.

Das Bundesgericht verfügte, dass private Weihnachtsbeleuchtungen um 1 Uhr abzuschalten seien - Achtung, ab dem 6. Januar schon um 22 Uhr! Eine Bündner Gemeinde will ein Verbot von Gartenzwergen durchsetzen, und Hobbyfeuerwerker müssen ab jetzt einen teuren Kurs besuchen, wenn sie Raketen in den Himmel steigen lassen wollen. Ich könnte hier fünfzig Seiten lang den kleinen und grossen Regulierungswahn aufführen. Es grüssen die Ritter der Kokosnuss! Oder anders gesagt: Ich sehe Zeichen von Übermut und trunkener Abgehobenheit, während ein Grossteil der Welt am Taumeln und Ächzen ist.

Die Puppenspieler lassen ihre Puppen tanzen

Erstaunt es da, dass das Verwaltungswesen mehr wächst als die Privatwirtschaft? Jemand muss diesen Irrwitz ja erfinden, bearbeiten und durchsetzen. Der Personalzuwachs der letzten Jahre bei Bund, Kantonen und Gemeinden bewegt sich im fünfstelligen Bereich. Auch 2014 soll die Staatsquote weiter ansteigen. Nur wenige denken an die Folgen dieser Fehlentwicklung. Man schaue nur mal nach Frankreich. Es erstaunt mich, wie wenig wir Bürger uns darum kümmern, wie die sauer verdienten Steuergelder eigentlich eingesetzt werden. Man akzeptiert es einfach als «verlorenes» Geld, als notwendiges Übel, zu dessen Verwendung wir eh nichts mehr zu melden haben. Und so läufts ja dann auch. Die Puppenspieler lassen ihre Puppen tanzen.

Ich betrachte das Treiben in Bern hie und da aus nächster Nähe. Folgendes ist mir aufgefallen: Selten hört einer dem anderen richtig zu. Eine richtig vertiefte Debatte findet kaum statt. Fast jeder geht mit vorgefasster Meinung ans Rednerpult und liest meist parteigetreu vom Zettelchen ab. Andere verstecken sich während dieses 50-Prozent-Jobs hinter dem Laptop, lesen Zeitung oder gucken auf ihr Handy. Als ich das zum ersten Mal sah, war ich konsterniert. Was soll das? Ist das seriöse Arbeit, für die man 133'000 Franken plus fette Zusatzvergütungen pro Jahr bekommt? Und dann diese ewige Unruhe? Ich stellte mir vor, wie es herauskäme, wenn irgendein Privatunternehmen, ein Fussballklub oder eine Band solche respektlosen Meetings abhalten würde? Würde dabei etwas Konstruktives herausschauen?

Schmunzeln musste ich, als letzthin ein geschätzter Kolumnenkollege etwas überspitzt einen Berufspolitiker fragte, ob er wirklich glaube, dass es sich bei der Politik beziehungsweise der Angewohnheit, allen Geld zu versprechen, dabei aber nur Kosten zu verursachen, tatsächlich um einen ehrbaren Beruf handle, der entlöhnt werden müsse. Und ob es denn nicht reichen würde, wenn wir den Parlamentariern einfach die Reise- und Verpflegungskosten vergüten würden. Die Antwort des Parlamentariers können Sie sich vorstellen, liebe Leser. Mitwirken könnte auch mal genaues, selbstkritisches Hinschauen sein!

Ich lese auch von Staatsstellen, wo man für das tägliche Kopieren von Dokumenten 8000 Franken pro Monat bekommt und vom Führungschaos beim Bundesamt für Strassen. Die meisten Ämter können über ihre Leistungen und damit über ihr Budget frei entscheiden. Was die Arbeit tatsächlich kostet und ob für Preisgünstigkeit und Effizienz gesorgt wird, durchschaut längst niemand mehr. Als wäre dies nicht schon beunruhigend genug, werden parallel dazu Schulden angehäuft, als gäbe es kein Morgen. Sparen, das sollen gefälligst die anderen oder im dümmsten Fall halt zukünftige Generationen.

Nein, es reicht längst nicht mehr, nur die Abzocker in der Wirtschaft an den Pranger zu stellen und zu massregeln. Wir müssen jene in der Politik, die hart verdientes Geld arg- und schamlos abkassieren und verschleudern, genauso kritisch angehen und kontrollieren. Je schneller, desto besser, denn ihr Treiben wird zunehmend dreister und die Leistung nicht besser. Dazu schaden sie jenen, die einen respektablen, kräftezehrenden Herzblutjob im Staatswesen machen.

Wenn man jedoch Menschen zu viel Geld fürs Wenigtun gibt, werden sie übermütig, verlieren Bodenhaftung, Motivation und wälzen die Verantwortung ab. Es ist eine Krankheit, gegen die nur Fasten helfen würde, aber eben... Für einen lumpigen Haufen Geld hat schon manch einer seine Seele und die Familie verkauft. «Wenn das Geld regiert und nicht mehr dient, dann sagen wir Nein!» Dies sagte kürzlich der neue Papst Franziskus. Ich habe selten so weise Worte von einem Kirchenoberhaupt gehört. Er scheint ein gebödeleter Mann zu sein. Nun, Herr Bundespräsident, der Papst und ich sind zur Mitwirkung an unserer Zukunft bereit!

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