Notabene von Chris von Rohr «Schreibtischtäter»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr schreibt in seiner Kolumne, über praxisferne Geschäftsgeneräle und deren Unternehmensführung durch hohe Hierarchiestufen.

Wo steckt die Altersmilde? Ich warte schon lange auf ihren Besuch und halte ihr einen Stuhl frei für den Fall, dass sie endlich mal an meiner Tür läutet. Aber sie scheint mich nicht berücksichtigen zu wollen. 

Mein Leben lang musste ich mich aufregen. Es waren aber nicht die Alltagsdefizite und Nachlässigkeiten von Brüderlein und Schwesterlein, die mein Blut in Wallung versetzten. Die Sache mit den Spänen, die demjenigen zu Boden fallen, der den Hobel führt, wurde mir bereits als Kind erläutert, und sie leuchtete mir auch ein. Von daher hat jemand, dem bei der realen Arbeit etwas in die Brüche geht, bei mir kaum etwas zu befürchten. 

Unantastbar durch Hierarchiestufen

An den Siedepunkt bringen mich Geschichten von Menschen, die von praxisfernen Geschäftsgenerälen absurde Anweisungen entgegennehmen und umsetzen müssen. Je mehr Hierarchiestufen dazwischengeschaltet sind, desto aussichtsloser gestaltet sich die Situation für die Arbeitssoldaten. Wer das Büro des Vorgesetzten in der Nähe weiss, kann rasch mal dort vorsprechen und auf die Haken hinweisen, wenn der Chef in einem Kreativitätsschub etwas beschliesst, von dem er selber die Folgen gar nicht abzusehen vermag. Hat der Sitz des Oberbosses jedoch eine andere Postleitzahl und müssen erst ein paar Etappenchefs abgeklappert und zur Vernunft gebracht werden, bis man zur Reparaturstelle vordringen kann, dann verrührt man bloss die Hände und trinkt vielleicht einen Schnaps, bevor man frustriert weiterarbeiten geht.

Während ich dies hier schreibe, schiebt sich mir der Begriff Schreibtischtäter auf die Zunge, und ich finde heraus, dass er in den Sechzigerjahren von einer Frau geschaffen wurde, die über einen Auschwitz-Prozess berichtete. «Wenn die Kommandanten der Todeslager … bestraft werden – und darüber haben wir keinen Zweifel –, dann sind die Männer ebenso strafbar, die in der friedlichen Stille ihrer Büros in den Ministerien an diesem Feldzug durch Entwurf der für seine Durchführung notwendigen Verordnungen, Erlasse und Anweisungen teilgenommen haben.»

Dieser Text war Teil des Urteils. Ich frage mich, wie viele Menschen somit nur aufgrund ihres Gehorsams gemordet und wie viele Haupt- und Vizehauptmänner die Tötungen in Auftrag gegeben, aber selber keine einzige ausgeführt haben. Diese Vorgehensweise ist für alle praktisch, denn jeder kann die Barbarei so einem anderen in die Schuhe schieben. 

Händler werden Tanzbären und Kunden Affen

Ui, jetzt bin ich grad beim ganz Groben angekommen. Dabei gäbe es von viel besser verdaulichen Missständen mit ähnlicher Struktur zu berichten: zum Beispiel von der Autobranche mit ihren undurchsichtigen Machenschaften, wo der Händler vom Giganten in Amerika oder Deutschland zum Tanzbären und der Kunde zum Affen gemacht wird, oder vom Bildungswesen, wo Schulentwickler in höheren Sphären über den Unterricht philosophieren und Anweisungen geben, obwohl sie selten bis nie mit lebendigen Kindern zu tun haben. Wir könnten ebenso über Notare und Willensvollstrecker sprechen, die ihren Vorgesetzten und Mitspielern eigenhändig auf den Thron geholfen haben und ihnen nun die Rechtsauslegung diktieren. 

Es hat System, dass immer wieder führungsuntaugliche Menschen in höchste Positionen gespült werden. Obwohl gerade ein Verantwortung tragender führender Vorgesetzter eine starke Persönlichkeit sein muss. Sind dann gleich mehrere Protagonisten übereinandergeschichtet wie bei einer Hochzeitstorte, dann lassen Probleme nicht lange auf sich warten. Vor allem wenn der ganz oben gar nicht das glänzigste Chriesi ist, das am souveränsten agiert, und der bodennahe Kuchen unten dran mehr Zuspruch geniesst, dann droht bald eine Tortenschlacht auszubrechen. Nicht selten artet die Affäre so aus, dass der Untere in der Fresskette umgehend sein restliches Freizeitguthaben einziehen und den Schlüssel abgeben muss.

Menschen als Unterhaltung der Götter

Vermutlich machen fast alle Chriesimänner und -frauen auf der ganzen Welt denselben Überlegungsfehler: Der Glanz der Kirsche kommt auf einem zerstampften Kuchen überhaupt nicht zur Geltung. Erst auf einer hübschen Torte erkennt man ihn. Je feiner das Drunter daherkommt, umso mehr glänzt die Spitze. 

Aber waren wir Menschen jemals logische Denker? Eben. 
Wir seien zur Unterhaltung der Götter geschaffen worden, habe ich einmal auf einem Kalenderblatt gelesen. Dann können wir also einen auf Sitcom machen und uns maximal blöd aufführen. 

Eigentlich warte ich ja auf das Läuten der Altersmilde und gehe rasch nachsehen, ob die Klingel kaputt ist. Ach, ich armer Tropf habe ja gar keine! 

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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