Notabene Chris von Rohr Wenn das Pendel schlägt

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor, schreibt über seinen Umzug in die Stadt, die Probleme, mit denen er daraufhin zu kämpfen hatte, und wie er sie in den Griff bekam.

Umzüge haben etwas Schicksalhaftes. Wer sich nicht gerade siedlungsintern umtopft, leitet damit ein neues Zeitalter in der persönlichen Biografie ein. Und wer einen neuen Wohntraum realisieren kann, karrt seine Sachen von Glück geflutet ins neue Heim. Eine gute Freundin erinnerte mich kürzlich mit ihrer Geschichte an meine eigene, eher missglückte Verpflanzung in eine urbane Umgebung. Ich wollte unbedingt in der Nähe meiner Liebsten sein, um mit ihr in Symbiose durchs Leben zu wandeln. Ich sah uns im Geist als Greise auf dem Feierabendbänkli vor der Feuerschale sitzen und der Sonne beim Zubettgehen zunicken - und ab und zu etwas aus dem Erinnerungsrucksack wühlen. Wer nichts wagt, gewinnt nichts, und schliesslich muss man den Chancen, die einem zulächeln, ein Logis anbieten.

Ich wusste, dass ich wohl etwas Heimweh haben würde, als ich in die Stadt zog, und es erwischte mich voll: Menschen, Autos, Häuser, wenig Natur und kaum Tiere... Anstelle des Blicks in die Ferne schlug das Auge an der nächsten Fassade an. Der fremde Umgangston, ein Humorempfinden, das mich die Flucht ergreifen liess, und grosse Distanzen zu meinen Freunden verwandelten den Neustart in ein Drama. Dazu ein Zusammenleben mit einem anders tickenden Menschen. Freizeitgestaltung, Einrichtung, unterschiedliche Arbeitsrhythmen und Ordnungssinn - dies alles waren Themen, die zusätzlich meine Kraft raubten.

Es wunderte mich also selber nicht, dass mein Rücken bald schmerzte, die Nächte zu traumtechnischen Horrortrips mit schweissgetränktem Bettzeug ausarteten und ich bald ein Schatten meiner selbst war. Lebenskraft und -wille schienen sich von mir zu verabschieden, und der Schmerz war Dauerbegleiter.

Lebenskraft und -wille schienen sich von mir zu verabschieden

Ich versuchte es mit Chiropraktik und Akupunktur, da ich damit gute Erfahrungen gemacht hatte. Dazu fleissig Kraft- und Dehnungsübungen. Ich richtete meinen Arbeitsplatz nach Empfehlungen der Suva ein und besorgte mir andere Sitzgeräte, darunter einen blauen Sitzball. Der hatte mir früher bei Rückenweh Entspannung verschafft. Ich achtete auf eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen und wurde trotzdem so krank, dass ich glaubte, mir beim Ableben zuzusehen. Alles an mir war verhärtet, die Verdauung funktionierte schlecht, die Nerven lagen blank, und meine Zahnärztin erklärte, dass ich neuerdings meine Zähne abtrage. Scheinbar biss ich im Schlaf zu. Eine zerstörerische Erfahrung jagte die nächste, ich war verzweifelt.

Als ich in dieser Verfassung einen guten Freund aufsuchte, meinte der nur trocken: «Du kannst lachen, wenn du willst, aber tue einfach, was ich dir sage: Bestell umgehend jemanden ins Haus, der es auf Wasseradern untersucht!» Wenn man als sensibler Mensch seine Nächte auf so einer verbringe, könne man todkrank werden, ohne zu ahnen, weshalb. Ich war nicht in der Position zu lachen, und am gleichen Abend besuchte uns der Pendler. Zwischen seinen Fingern baumelte eine alte Sackuhr. Damit ging er gemächlich herum. Sie hing ruhig, bis zu dem Zeitpunkt, als er sie über der oberen Betthälfte festhielt. Da begann sie sichtbar zu schwingen. Und bei jedem, der es selbst probieren wollte, zeigte sich dasselbe Bild.

Wir schoben das Bett sogleich zur anderen Zimmerseite. Bereits in der ersten Nacht träumte ich harmlose Kuriositäten, ohne zu schwitzen, und mein Bett fühlte sich viel kuscheliger an - ich konnte wieder richtig in den Schlaf eintauchen, und der Rücken wurde von Tag zu Tag beweglicher. Ich hatte Lust, die Welt zu verändern, kaufte Töpfe und Pflanzen, bastelte Fotorahmen, ordnete meine Bücher nach Farben und hatte weit mehr Ideen als Zeit. Selbst die für mich nicht artgerechte Umgebung fand ich plötzlich viel weniger bedrohlich, und ich war in allen Dingen milder gestimmt. Ich badete im Gefühl, dass es für alles eine Lösung gebe, und war entschlossen, das neue Heim in eine Wohlfühloase zu verwandeln. Was kostet die Welt - volle Kraft voraus!

Meine Güte, dachte ich, wie viel Leiden würde vermieden, wenn die Menschen besser über die Regeln der Natur Bescheid wüssten? In diesem dicht besiedelten Land sind viele gezwungen, mitten im Chaos zu hausen; unten ein Wirrwarr von Leitungen und haustechnischen Erschliessungen und oben Elektrosmog, Lärm und Lichtfolter. Gross auf die Natur zu achten, kommt für die meisten Immobilien-Gurus leider nicht infrage. Dabei bestimmt sie urplötzlich unser Schicksal - sie ist und bleibt Chef und Dienstälteste.

Wenn ich heute nicht im Tourbus unterwegs bin, lebe ich vor allem in Solothurn oder Kreta, umgeben von Wildkatzen, Vögeln, Gitarren, Blumen, Bäumen und Kindern. Da passe ich hin. Und wenn ich einmal nicht zur Ruhe komme, hat es am ehesten mit mir selbst, dem Weltgeschehen oder meinen Liebsten zu tun. Zu kümmern und zu sorgen, gibt es auch so genug.

Im Dossier: Weitere «Notabene»-Beiträge von Pedro Lenz, Helmut Hubacher und Chris von Rohr

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