Notabene Chris von Rohr «Im Grunde sind wir Hunde»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über den besten Freund des Menschen und wieso er auf einen vierbeinigen Begleiter verzichtet.

Meinen ersten Hund bekam ich als Zwölfjähriger. Er hiess Ali und war ein dreimonatiger Wonnemocken. Da meine Eltern ihn nicht in den Wohnräumen tolerierten, landete der arme Kerl des Nachts im Keller, wo er ununterbrochen heulte. Das hätte ich an seiner Stelle auch gemacht. Nach zwei Wochen gaben wir ihn dem alten Besitzer zurück. Dies war eine traurige Erfahrung für mich.

Später in den unbeschwerten Hippie- und Freakjahren hatte ich mehrere Hunde. Fast alle waren sie Mischlinge aus Tierheimen der Umgebung, die ich oft besuchte. Einmal brachte ich sogar meine unterdessen betagten Eltern dazu, einen von ihnen bei sich aufzunehmen. Geschadet hat es ihnen mitnichten – die Stubenhocker gingen plötzlich wieder an die frische Luft und erkannten die heilende Wirkung ihres Vierbeiners. Der Stress der früheren Tage war weg, und sie konnten es jetzt geniessen.

Ein Hund ist der loyalste Kumpel, den man sich vorstellen kann. Geht man ohne ihn weg, ist er traurig. Kommt man heim, macht er keine Vorwürfe, sondern freut sich bedingungslos. Er liebt dich, egal, ob du einen Charthit landest oder pleite bist. Eine Hund-Mensch- Beziehung lebt von einer Art gegenseitigem Respekt, den ich unter den Menschen auch gerne sähe. Wer weiss, wie es ist, von seinem Hund begrüsst zu werden, vermisst es schmerzlich, wenn er beim Heimkommen ein lebloses Haus vorfindet. Ein Hund ist nicht bloss ein Haustier. Er ist Mitbewohner und Familienmitglied. Wer sich von ihm trennen muss, tut es kaum freiwillig und fühlt sich hundeelend. Seinen Hund wegzugeben, kommt gefühlsmässig einer Scheidung gleich.

Wer selber keine Erfahrung mit diesen Tieren hat, denkt vielleicht Hunde hätten keine Mimik. Chabis! Sie verraten einem durch ihren Ausdruck sofort, ob alles okay oder Vorsicht angebracht ist. Bei einer neuen Begegnung registrierte mein Hund jeweils innert Sekunden, wie unser Gegenüber drauf ist – noch bevor ich dessen Gesicht erkennen konnte. Zog er sich mit schlaffen Ohren zurück, bedeutete das in etwa: «Chasch mer’s jo de säge, we dä Löu gange isch.» Ich begann bald, mich auf seine Einschätzung zu verlassen. Hunde sind sogar Scherzkekse. Sie können tricksen. Durch ihr Bellen schicken sie einander zum Beispiel zur Türe, als käme Besuch. In der Zwischenzeit wird schnell der Knochen des anderen geschnappt oder dessen Liegeplatz besetzt. Sie können es glauben oder nicht: Ich und meine Hunde haben zusammen gelacht und uns unterhalten. Hatte ich den Liebesblues, wurde ich getröstet. Ein Hund lässt seinen Menschen nicht allein, wenn dieser schlecht zwäg ist.

Bemerkenswert finde ich auch die Beobachtung, wie verschiedene Welpen vorbehaltlos harmonisch zusammen spielen. Da begrüssen sich Riesen und Zwerge wie Schäfer, Bernhardiner, Mops und Chihuahua freundlich durch kurzes Beschnuppern, und sogleich beginnt der Spass. Jault einer auf, wird er sofort in Ruhe gelassen. In der Welpenspielgruppe läuft das rücksichtsvoller als in manchen Kindergärten! Der Vergleich drängt sich ebenso auf wie die Frage, welches Verhalten denn das natürlichere ist ... denn im Grunde sind wir doch auch Hunde. Trotz all diesen Bereicherungen, die ich in meinem Hundeleben erfahren durfte, lebe ich bereits etliche Jahre abstinent. Der Röckdög ist Single. Das bedeutet Verzicht, und es ergab sich nicht aus Freiheitsliebe. Denn ich weiss, dass ich meinen Hund dauernd fremdbetreuen lassen müsste. Konzertlokale, Tourbusse, Hotels und Flugzeuge sind keine Umgebung für Tiere. So wie ich mein Kind niemals zwischen Kita, Mittagstisch, Schule und Tanten hin und her verschieben wollte, so will ich dies auch dem Tier nicht zumuten.

Über die Weihnachtstage weilte ich mit meiner Tochter in Kreta, wo wir am vorletzten Ferientag einen angeketteten, halb verhungerten Hund auf einem nahen Grundstück sahen. Ich wusste, dass die Griechen kaum mit sich reden lassen, wenn es um Tierhaltung geht – wie die meisten Südländer. Viele betrachten Hunde leider nur als vierbeinige Alarmanlage. Sie handhaben es so, wie ihre Eltern es ihnen beigebracht haben – für uns erschreckend kaltblütig. Wir überlegten also, wie diesem Tier zu helfen ist, und konnten den Besitzer ausfindig machen. Kurzerhand kaufte ich ihm dieses verstörte Häufchen Elend ab. Glücklicherweise suchte einer meiner Bekannten gerade einen Hund, und Ashu kam von der Hölle direkt ins Paradies.

Ali, der kleine Sonnenschein von damals, wird mittlerweile auch dort eingetroffen sein – im Hundehimmel.

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