Notabene Chris von Rohr Kulturkäse

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Kultur in der Schweiz. 

Der heutige Kulturbegriff gehört eigentlich abgeschafft. Kultur ist ein Alibi des Imperialismus. Es gibt ein Verteidigungsministerium. Es gibt auch ein Kulturministerium. Somit ist Kultur Krieg, und wie im Krieg benehmen sich auch gewisse Leute, wenn man die Frage nach dem Sinn ihrer Tätigkeit stellt.» Dieses Statement stammt von John Lennon, und er spricht mir heute, Jahrzehnte später, aus dem Herzen. Im Laufe meines Daseins gelangte ich zur Erkenntnis, dass die Kultur eher zugrunde geht, wenn zu viel für sie getan wird. Nur wer kompromisslos und ohne Plan B zu Werke geht, wird eventuell etwas erreichen. Dies haben unterdessen einige Studien bewiesen. Es braucht Talent, Biss, Ausdauer und einen starken Fokus, um grosse Ziele zu erreichen. Wer seine Freizeit auf der Festbank verbringt, wird kaum Grosses erschaffen. Dafür muss man sich ans Leistungslimit begeben. Der Schriftsteller Claude Cueni sagt treffend: «Niemand hat mich gezwungen, Autor oder Künstler zu werden. Also muss ich selbst schauen, dass ich dieses Leben finanzieren kann.» Ich finde schön, wenn jemand für eine vollbrachte Leistung ausgezeichnet wird, aber äusserst fragwürdig, wenn eine noch zu erbringende Leistung mit Steuergeldern vorgeschmiert wird.

Wer seine Freizeit auf der Festbank verbringt, wird kaum Grosses erschaffen.

Lorbeeren zur Vorspeise und goldene Fallschirme zum Dessert unterstütze ich weder in der Wirtschaft noch in meinem Metier. Solche Köder locken oft Talentfreie an, die sich nur rühren, weil sie Belohnungen und Prestige im Fokus haben. Man tut ihnen mit Goodies keinen Gefallen, weil sie sich nach Jahren doch eingestehen müssen, dass sie mit den echten, geistreichen und unermüdlichen Schaffern nicht mithalten können. Mehr Geld impliziert deshalb nicht Qualität, sondern Quantität. Es ist sogar ein Vorteil, wenn angehende Kulturschaffende ihre Leidenschaft mit einem gewöhnlichen Brotjob querfinanzieren müssen. Einerseits weiss die betreffende Person dann, ob sie das tatsächlich durch- und aushält. Andererseits entsteht starke Kunst nicht unter der Käseglocke. Der Blues, der Rock, Rap und vieles mehr, was unsere Herzen erobert und die komplette sinnige Welt revolutioniert hat, entstand an den Punkten dieser Erde, die wohl von den Amtsstuben am weitesten entfernt waren. Kunst wird im Feuer geschmiedet! Es waren oft die Brennenden, Leidenden und Geächteten, die Geschichte geschrieben haben. Ohne sie wäre die Kulturlandschaft eine Wüste. Man darf also keinesfalls allein dem Staat überlassen, zu entscheiden, was gefördert gehört. Sonst entsteht unfruchtbare Abhängigkeit, und Kunst verkommt zur seichten Cüplikultur und zum Feigenblatt von nach globalem Glimmer schielenden Stapis und Politikern. Und einmal mehr fehlte der «Dräck». 

Kunst wird im Feuer geschmiedet.

 Gölä findet, für ihn sei die Schweiz zu linkslastig, Polo Hofer vermutet einseitige Zuschanzungen von Subventionen, und ich bezweifle grundsätzlich, dass fette Zuschüsse die Unterhaltungskultur im Endeffekt fördern. Das sind drei Meinungen von drei Musikern, die in der Schweiz schon einiges aus den Fugen gelüpft haben – notabene ohne jegliche Subventionen. Unsere Aussagen lösten bezeichnenderweise sofort ein Trommelfeuer aus: «Dummrocker», «Diffamierer», «Neider» oder «Altrocker mit Gotthard-Tunnelblick», tönten die Schimpftiraden aus dem Munde kulturbewusster Menschen. Schiessen jene Kleingeister unter die Gürtellinie, nennt sich das dann natürlich Kritik. Was sie verbindet, ist eine gemeinsam praktizierende Intoleranz gegenüber Skeptikern. 

Diese Geschichte untermauert, was mich am hiesigen Subventionsbetrieb und seinen devoten Priestern stört: Er macht arrogant, abgehoben und selbstgerecht. Eine sich gegenseitig feiernde Kultursauna, die ohne Steuergelder wohl gar nicht überleben würde, hängt an den staatlichen Honigtöpfen. Was daraus wächst, ist meist bescheiden und wenig lustvoll. Erfreuliche Ausnahmen gibt es leider nur wenige. Ich persönlich würde Unterstützungen im Bereich des brotlosen Kunsthandwerks begrüssen, denn Schnitzer, Buchmaler, Stuckateure, Glasbläser, Schmiede oder Töpfer u. v. a. sterben leider langsam aus. Mehr nachhaltige Workshops für Nachwuchstalente wären ebenfalls sinnvoll sowie das Verteilen von Kulturgutscheinen. Dies wäre demokratischer und würde die Nachfrage der Kultur als öffentliches Gut stützen und fördern. Also, liebe Fördergenossen und Kredenzte: Schüttelt eure Goldsiebe noch intensiver, seid weniger dünnhäutig, und schafft  bitte etwas mehr Transparenz und Hinterfragung im «Ministerium für Kultur».

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