Notabene Chris von Rohr Nah- und Fernsehen

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor, erinnert sich an seine fernsehfreie Kindheit, sinniert über die Gebührenfrage und sieht sich als Randständiger.

Am letzten Abstimmungssonntag gab die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft zu reden. Die Frage lautete: Welches Gebührenmodell wollt Ihr? Über Gebühren lassen wir Eidgenossen ja mit uns reden, aber beim Wort Steuer, da verlieren wir die Beisshemmung - auch die dem staatlichen öffentlichen Service gegenüber. Und das Wort Steuer ist gefallen.

Ich begebe mich ins Überlaufbecken dieser Diskussion und gestehe, dass ich ein Spätzünder bin in Sachen Television. Vielleicht habe ich nie gezündet, denn ich vergesse wochenlang, das Gerät zu berücksichtigen. Als Kind habe ich die Aussenschauplätze der Welt lesend erkundet. Viele Ereignisse, das Grauen des Nationalsozialismus und andere menschliche Abstiegsrunden wurden mir mittels gedruckter Medien nähergebracht. Besuchte ich mit den Eltern Bekannte mit Fernseher, starrte ich fasziniert auf den Bildschirm. Da zeigten sie einen richtigen Stierkampf, der damals vermutlich unter dem Thema «Ferne Länder und Kulturen» in voller Länge ausgestrahlt wurde. Das Gesehene hat sich in meine Seele gefressen. Ich war nachhaltig schockiert von dieser Barbarei der Spanier.

Später gabs im Elternhaus ein Fernsehgerät, und ich stellte fest, dass sich telefonierende Menschen in amerikanischen Filmen nie voneinander verabschieden. Die hängen einfach auf – furchtbar unhöflich, die Amis! Bei uns bedeutet das Krieg. Erst später kam mir der Gedanke, dass Grussworte zu irrelevant sind für die Geschichte und bloss teure Sendesekunden verbrauchen.

Wird man mich bald zwingen, die Memoiren von Vera Dillier zu sponsern?

Als ich Ende letzten Jahres versehentlich in die Sendung «Der Bachelor» zappte, fragte ich mich, ob die Sendesekunden unterdessen billiger geworden sind und ob diese Realsatire als Trashsendung zu betrachten sei. Da ich eine Affinität zur Satire habe, sah ich ein bisschen weiter und erkannte darin meine Kätzin Mizibuzzi selig, die sich Anfang Jahr jeweils im Garten rollte und kläglich schrie, bis sie den stolzen, weiss bepfoteten Schlomo vom Waldquartier und ein paar weitere, neidisch herumschleichende Freier zur Begattung mobilisiert hatte... Item. Ich hatte mich für ein paar Minuten seicht unterhalten, bis mir die Frage durch den Kopf schoss, ob ich damit einverstanden bin, auch nur mit einem Mini-Obolus solche Schundsendungen vom Privat-TV zu unterstützen.

Ich bezahle ja für viel Abartiges, für den ausartenden Sauglattismus des Lehrplans 21 und dafür, dass die Armee von der Zivilisation verschonte Gebiete mit Blei würzt. Gratis gibt es heute nur noch Musik, Kopfweh und Spaziergänge, aber müssen wir jetzt jeden dümmlichen Stoff mitfinanzieren? Wird man mich bald zwingen, die gedruckten Memoiren von Vera Dillier zu sponsern?

Die SRG ist kein kleiner Tschuttiverein, sondern eine für dieses Ländchen kolossartige Organisation mit 6000 Angestellten und 1,7 Milliarden Franken Jahresumsatz. Dreiviertel davon, 1,2 Milliarden, bezahlt der Bürger, damit er empfangen darf, was die 24 (!) TV- und Radiosender der SRG produzieren. In jedem Unternehmen, das sich selber ernst nimmt, existiert eine Feedbackkultur. Bestellt man etwas bei Zalando, dann wollen die umgehend wissen, ob man zufrieden ist mit ihnen und der Ware. Für den Service public bekam ich bisher bloss die Billag-Rechnung und auf Kritik nicht mal eine Antwort. Die Welschen scheinen happy zu sein mit ihrem TV, die Deutschschweizer eher nicht. Wird sich etwas ändern? Nein. Der Leidensdruck ist zu wenig gross...

Übrigens, das Gros der Restgucker, das sich mittlerweile nicht selbst im Netz informiert, ist meist Allesfresser, sagt man mir. Es will abends nach der Arbeit vor dem Rechteck sitzen und die Augen darauf richten, ohne zu überlegen. Egal, was gespielt wird, ob man den Anfang oder den Schluss der Sendung oder des Filmes mitkriegt und die Zusammenhänge versteht oder nicht. Fernsehen ist Selbstzweck, man will das Hirn ab- und nicht unbedingt einschalten, nicht gezielt auswählen, was einen bereichert. Die Television hat es sogar schwerer, wenn es bringt, was einem die Gedankenlosigkeit vermiest. So kann ich es mir erklären, dass bis zu dieser Abstimmung kein Aufbegehren stattgefunden hat. Denn dafür hätte man sich am Feierabend Gedanken machen und sich aufregen müssen. Zum Beispiel über die schwachsinnige Darstellung rolliger Miezen oder oberflächliche Talkrunden, die einen ratlos zurücklassen mit der Frage, wie doof wir wirklich sind.

Ich bin ein Mensch, dem das Abschalten schlecht gelingt - ausser beim Fernsehen. Ich sehe und denke und grüble und träume noch im Schlaf davon und gehöre damit wohl einer Randgruppe an. Aber wenn wir jetzt eine Steuer haben, die das Volk noch vor dem gemütlichen Teil des Tages, beim Bezahlen der Rechungen, verärgert und aufmischelt, dann komme ich vom Rand weg. Fass, Lumpi!

Im Dossier: Alle Beiträge der «Notabene»-Autoren Chris von Rohr, Pedro Lenz und Helmut Hubacher

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