Notabene Chris von Rohr über den Hochmut der Bundesräte

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über AC/DC-Fan Doris Leuthard und Didier Burkhalters überstürzte Entscheidungen.

Ich darf sagen, dass ich mich mit dem Rampenlicht auskenne. Sein Schein und seine Wärme sind mir vertraut. Eine Scheinwärme … Das Gefährliche am Leben im Spotlight sind nicht nur Geld, Groupies und Drogen. Auch Nicht-Promis können zu etwas Münz und einem bewegten Sexualleben kommen. Und benebeln kann sich jeder. Das Fallbeil ist die schiere Immunität, die man auf einmal geniesst. Es ist erstaunlich, wie sich die Leute um einen herum verändern. Sie finden endlich alles gut, was man tut. Toll! Ehrfurcht und falsche Komplimente steigen einem jedoch rascher zu Kopf als ein paar Sirüpli an der Sansi-Bar. Man wird bequem und nimmt lange nicht wahr, wie sich lautlos ein Keil zwischen das eigene illustre Leben und das der Mitmenschen schiebt.

Dies passiert nicht nur Rockstars. Ein Bundesrat macht dieselbe Erfahrung. Er wird aus dem Fussvolk heraus auf den Thron gehievt. So, als ob der Güggel aus dem Provinzhühnerstall plötzlich auf der Turmspitze des Berner Münsters ausgestellt würde. Aber braucht es so viel Brimborium und Zückerchen im Chalet fédéral? Was ist mit dem Butler/ Weibel – ist er unverzichtbar? Der Lohn soll sogar höher sein, als der des US-Präsidenten. Und nach dem Einsatz für unseren Staat fliesst offenbar eine Rente, mit der man sich bis zum Ableben den Bauch bepinseln lassen kann.

Menschen, die auf Podesten stehen, sind wie hungrige Männer: Sie treffen oft irrationale, egoistische und überstürzte Entscheidungen.

Im letzten Jahr seien für Bundesrats-Ruhegehälter fette 81 Millionen zurückgestellt worden, heisst es. Ich überlege mir, wie viele alt Bundesräte wir denn damit unterhalten … Winkelried ist tot, also werfe ich mich halt in die Speerspitzen und frage: Muss der Job dieser Auserwählten unbedingt so grosszügig honoriert werden, sobald sie das Bundesratsbüro beziehen? Ein Musiker, der eben Millionär wurde, schreibt auch nicht plötzlich bessere Songs – im Gegenteil! Menschen, die auf Podesten stehen, sind wie hungrige Männer: Sie treffen oft irrationale, egoistische und überstürzte Entscheidungen.

Didier Burkhalter zum Beispiel verbiss sich total in sein EU-Rahmenabkommen-Dossier, ohne dem Steuerzahler sein Projekt genauer zu erläutern. Selbst für seine Gefolgschaft wurde es bald offensichtlich, dass dieser Mann mit seinem Streben nach institutioneller Anbindung auf Crashkurs war. Er spielte ein Solokonzert und verlor dabei das Publikum aus den Augen, das seine Gage bezahlt. Unterdessen wechselte in den Zuschauerrängen die Tonart von einem freudigen Dur in eine Moll-Schleife. Der Schweizer des Jahres 2014 muss jetzt den Staub von seinen Lorbeeren wischen.

Doris Leuthard feierte mit Highway-to-Hell-Teufelshörnchen

Bezeichnend finde ich, dass sich die Medien erst nach seiner Rücktrittsankündigung an eine kritische Aufarbeitung seines Werkes wagten. Vorher waren vorwiegend Lobhudeleien über die charmante helvetische George-Clooney-Version zu lesen. So wie aktuell über «unsere Atom-Doris». Es ist fast peinlich, wie zärtlich über Frau Leuthard berichtet wird. Ich lernte sie übrigens mal an einer AC/DC-Show in Bern kennen. Sie hatte rote Highway- to-Hell-Teufelshörnchen auf, und ich wurde Zeuge davon, wie diese Frau feiern kann. Das macht sie mir natürlich sympathisch.

Doris Leuthard bewegt sich auf der grossen Showbühne zwar superprofessionell wie Helene Fischer, und sie bringt ihre Themen durch – im Bundesrat ebenso wie beim Volk. Dennoch kann sie bisher keinen nachhaltigen «Atemlos»- Hit vorweisen! Niemand vermag zum jetzigen Zeitpunkt zu beurteilen, ob die Energiewende nicht doch zum Bumerang oder zu einem ausgelagerten ökonomischen Fiasko wird. Sollte es sich herausstellen, dass dieses Projekt ein Irrtum war, wird sich unser Polit-Sonnenschein vermutlich zusammen mit seinem stromzehrenden Tesla in Rente befinden und die Lösungssuche anderen überlassen.

In der Politik bleibt das Salär garantiert.

Auf dem Zenit ihrer Karriere treten wenige zurück. Wer will denn schon weg vom wärmenden Scheinwerferlicht? Bei Doris hoffe ich, dass sie einem erneuten Departementswechsel widerstehen und uns zeigen kann, dass sie ihre Umweltvisionen, die sie so energisch vertrat, auch zu begleiten und umzusetzen weiss. Ihren Rückenwind sollte sie jetzt nutzen und selber zu Ende führen, was sie angerissen hat. Das wäre lobenswert und preiswürdig.

Wer ein Konzertticket oder eine CD kauft, hat sich entschieden, den Preis zu akzeptieren. In der Politik haben wir kaum eine Wahl. Aber auch dort lässt sich der Erfolg nur durch zähes Durchhalten, Hinterfragen und souveränes Handeln halten – das Salär bleibt jedoch garantiert. Die Auswahl an Stolpersteinen ist gross. Man braucht keinen Fehler doppelt zu machen, um vom Höhenfeuer in die Gletscherspalte zu fallen.

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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