Notabene Chris von Rohr Wüstenwinter

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor über seine Winterferien in Ägypten - angefangen beim Sicherheitscheck am Flughafen über die Gebete der Muezzins bis hin zur Erkenntnis, dass auch Sandkörner ihren Reiz haben.

Schnee! Ich breitete meine Arme aus, als er vom Himmel fiel. Auch heute vermag mich diese Kristallwatte wie in Kindertagen zu faszinieren. Die weisse Pracht beruhigt meine Psyche, dämpft die hässlichen Geräusche und bringt dieses unvergleichliche Licht hervor.

Ich malte mir schon aus, wie ich mit meiner Tochter als Zugabe ins Zermatter Winterparadies fahre. Sie hielt dem jedoch entgegen, dass sie nun wirklich genug gefroren hätte, und warf mir diesen abgewandelten Rap-Satz an den Kopf: «Du bist verliebt in der falsches Wetter...wie soll ich das begegnen?» Auf Seniorendeutsch: Bleib geschmeidig, wir gehen besser nach Ägypten an die Wärme. Ich bockte etwas, willigte aber schliesslich ein - unter der Bedingung, meinem langjährigen, geistreichen Lifecoach Dr. Ali Mabulu, der den Winter stets in El Quseir verbrachte, einen Überraschungsbesuch abzustatten.

So rief ich Duppi, den Minister für den Dienst am Service, Abteilung Spass am Leben, an. Wie es denn zurzeit mit etwelchen Terroraktivitäten am Roten Meer so aussähe? Er meinte trocken: «Der einzige Terror auf eurem Trip findet am Euroflughafen in Basel statt, beim Sicherheitscheck.» Und er behielt recht. Übel gelaunte, Französisch sprechende Frustianer machten einen auf CIA. Als ich sagte, dass ich mein Kopftuch aus nicht religiösen Gründen trug, durchleuchteten sie mir danach fast noch den Allerwertesten. Langhaarrocker zu schikanieren, gefiel ihnen.

Nach vier Flugstunden landeten wir sanft in Hurghada, und unser Driver erwartete uns. Ashraf stand lächelnd neben seinem verbeulten, vom Wüstensand gepeitschten Kia. Er fragte, wohin er uns fahren dürfe. Und so gondelten wir Richtung Süden. Es fühlte sich an wie auf der A1 1975 - das heisst, alle zwei Minuten ein Auto. Dichtestress? Dieses Wort können sie hier nicht mal buchstabieren. Ich fragte Ashraf, ob das normal sei. Er nickte und meinte: «Wir haben viel Platz und fast keine Frauen am Steuer.» Wir könnten jetzt bis Port Sudan - so ca. 700 km - weiterfahren, er habe genug Wasser und Sprit im Kofferraum. Ich schüttelte den Kopf und antwortete, dass wir nach El Quseir müssten, unsere Frauen übrigens bestens Auto fahren und wir sie vor der Hochzeit sogar anschauen dürfen. Er blinzelte kurz: «Du meinst die Bikinifrauen?» - «Genau die, Ashraf.» Meine Tochter auf dem Rücksitz begann sich zu amüsieren. Das fand sie weitaus spannender, als sich im kalten Schnee die Zehen abzufrieren. Direkt von minus drei auf plus 25 Grad, das brachte Stimmung. Vor uns lag eine unendlich weite Wüste, gespickt mit ein paar lustigen Palmen. Wir genossen die Magie dieser frischen Eindrücke.

Du bist verliebt in der falsches Wetter...wie soll ich das begegnen?

Es war nachmittags gegen fünf. Unser Fahrer stoppte in einer kleinen Hafenstadt mit dem Namen Safaga. Plötzlich war es aus mit der Ruhe! Haben Sie vor ein paar Wochen die Sirenen-Alarmübungen in der Schweiz mitbekommen? Hier in unmittelbarer Nähe des alten Hafens schmetterten gleich drei Muezzins los, und zwar volles Rohr. Meine Tochter zuckte zusammen und fragte, halb Spass, halb Ernst: «Papa, kommt jetzt der Krieg?» Ich lachte und erklärte, dass dies im Grunde das Gegenteil sei, nämlich ein Aufruf zum Gebet. Sie sah mich ungläubig an. «Was schreien sie denn so laut von den Türmen herunter?» - «Sie rufen immer wieder ‹Gott ist gross› auf Arabisch und das fünfmal innert 24 Stunden.» - «Auch in der Nacht?» - «Nein, aber vor Sonnenaufgang am Morgen.» Mein Tochterkind hob die Augenbrauen, und ich schmunzelte. Ja, wie würde ich reagieren, wenn mir in aller Herrgottsfrühe aus einem übersteuerten Megafon die Grösse von Gott eingehämmert würde? Könnte dies mein Herz erwärmen? Vermutlich etwa gleich wenig wie das übertriebene Sturmgeläute der solothurnischen Kirchenglocken, die in Gottes Namen alles überdröhnen. Da lobe ich mir den Ruf des Kuckucks oder des Muschelhorns.

Eine Stunde später waren wir in El Quseir. Das Hotel präsentierte sich wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Die Begrüssung ein Ereignis, Palmen- und Bougainvillea-Gärten ein Zauber und das Nachtessen ein Gedicht. Selig sanken wir in unsere Betten, und die Wellen des nahen Meeres wiegten uns in einen wohlverdienten Schlaf.

Tags darauf machten wir uns auf den Weg zu Ali Mabulu. Wir trafen auf ein lustiges Bogendachhaus im nubischen Stil ausserhalb der Stadt. «Ihr sucht Ali?», fragte die kleine Haushälterin Mucka. «Der ist nicht hier, er reiste vorgestern zum Skifahren in die Schweiz.» - «Wie bitte...!!??» Enttäuschung. Aber nur kurz, denn ich erinnerte mich zum Glück an einen seiner stärksten Sätze. Nein, es war nicht: «Hütet euch vor den Iden des März», sondern: «Du findest selten, was du suchst, sondern bekommst immer das, was du gerade brauchst.»

Sand! Ich liess ihn durch die Finger rieseln, als wir zurückschlenderten, und musste zugeben: Das warme Steinpuder fasziniert mich nicht minder als der kalte Puderzucker.

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