Notabene Chris von Rohr Schwarze Hühner mit orangen Hosen

Chris von Rohr, 62, Musiker, Produzent und Autor, über Rassismus und die Macht, die dieses Wort besitzt.

Müssen Kleinkinder zwingend Überseereisen mitmachen und Langstreckenflüge ertragen? Ich bin gerade eben von weit, weit weg heimgeflogen und sass neben einer Familie, die sich gegenseitig die Nerven schliff. Ginge es auch anders? Wie wäre es mit Kuscheln und Gschichtli-Erzählen statt Quengeln, Zischen und Hässeln?

Eines dieser hübschen Bilderbücher heisst «Das schwarze Huhn». Es ist unschwer zu erraten, worum es geht: Das besagte Huhn nervt, weil es auffällt und dazu noch seltsame Eier legt. Fast ebenso erging es mir, als ich als Einziger orange Hosen, violette Socken und lange Haare trug. Oder eben wegen meines Kopftuches, das immer wieder Reiz- und Unterhaltungswert zu haben scheint. Item. Das bedauernswerte Huhn weint, kommt dann aber zu Lorbeeren und Erbarmen und wird als besonderes, gestärktes und gar prämiertes Huhn rehabilitiert. Glück gehabt! Die Gutenachtgeschichte darf und muss gut ausgehen, sonst wäre es eine Schlechtenachtgeschichte. Der im Pyjama und der Erzähler auf der Bettkante fänden wohl kurzfristig keine Ruhe. Aber so wird alles gut, und dem entspannten Schlaf steht nichts im Weg.

Rassismus ist eine Sauerei! Rassismus ist Bösartigkeit. Der Vorwurf, rassistisch zu sein, deklassiert jeden Menschen mit sofortiger Wirkung. Deswegen kann man dieses Wort ganz praktisch zur Verunsicherung einsetzen. Seit ein paar Tagen sinniere ich daran herum. Gedanken fliegen mir unkanalisiert durch den Kopf. Vermutlich sind edle und windschiefe dabei. Aber ich gönne mir selber die Offenheit, meine Gedanken durch die Gänge latschen zu lassen und ihnen nicht schon auf die Finger zu hauen, bevor sie an die Türe klopfen. Und ehrlich gesagt, ich geniesse die Empörung und den Aufruhr um das Ja zur Einwanderungsinitiative. Es kommt so vieles zur Sprache. Kollegen hauen beherzt in die Tasten und debattieren auf allen Kanälen. Es ist, als ob die Menschen wieder etwas unter den Steinen hervorgekrochen wären. Die Abstimmung hat Leben in die Bude gebracht.

Interessant finde ich die Beobachtung, dass keiner triumphiert. Die Sieger scheinen sich nicht als solche zu fühlen. Sie erinnern eher an einen Patienten, der zur Mandeloperation geht. Freiwillig zwar, aber wissend, dass sein Vorhaben nichts mit einem lustigen Sonntags-Picknick gemein hat. Die Verlierer hingegen jammern, poltern, lassen ihre Masken fallen und halten den Zeigefinger in die Luft. Sie prognostizieren, die Entfernung der Mandeln habe einen Herzstillstand zur Folge.

Bedauerlicherweise wächst der Baum der Erkenntnis nur in fremden Gärten. Ich kann mir die Ankunft des Endes weiss Gott noch nicht vorstellen. Dafür kann ich mir vorstellen, dass diese besten Arbeitskräfte, auf deren Hände und Köpfe wir hierzulande angewiesen sind, vielleicht in ihren Heimatländern noch dringender gebraucht würden. Unsere Wirtschaft, unser Wachstum, unser Wohlstand braucht die Personenfreizügigkeit. Aber was ist mit unserer Umwelt, unseren Dörfern und unseren Schulen? Da heisst es dann gleich, die Landeier und Hinterwäldler seien Egoisten. Solche Gedanken wirbeln durch meinen Kopf, und es stört mich, wenn unser und unser zwei Paar Schuhe sind. Wenn das eine Unser Menschenfeindlichkeit bedeuten soll und das andere als der grosse Heilsbringer gepriesen wird.

Ich werde misstrauisch, wenn geschliffen-souveräne, masslos überbezahlte Berufspolitiker die Haltung gänzlich verlieren und der Schweiz Manieren beibringen wollen. Dem Volk Dummheit vorzuwerfen, das tut nur ein ertrinkender, strampelnder und nach Luft schnappender Regent. Kluge Menschen klammern sich nicht an eine Variante, die gerade weggefallen ist, sondern suchen andere Lösungen. Überall in der Welt, wo ich hinreise, geniesst die Schweiz Ansehen als offenes, menschenfreundliches und hoch demokratisches Land. Man bewundert uns. Deswegen bin ich mir sicher, dass auch diese panische, mentale Vogelgrippe bald wieder verfliegen wird.

Auch Eltern täten oft gut daran, nach neuen Lösungen zu suchen. Manchmal sind auch die alten wieder witzig. Abzählreime, Versli, Schiffli versenken, Ich sehe etwas, was du nicht siehst, oder Montagsmaler sind tolle Verweilspiele. iPad-Kids geniessen es doch, wenn die Eltern einmal nicht am Steuer sitzen und kein Handy zwitschert. Das wäre das positive Argument für die ganze Kalberei, mit den Kleinen Prestigeferien zu machen.

Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Peter Bichsel, Helmut Hubacher und Peter Scholl-Latour finden Sie im grossen SI-online-Dossier.

Auch interessant