Notabene Chris von Rohr Flaschen leer - Steuern hoch

Musiker und Produzent Chris von Rohr, 62, über Schulden und Bürokratie.

Zeitungslektüre. Die Hälfte unserer Kantone ist hoch verschuldet oder demnächst pleite. Wie bitte? Wird Schuldenmachen und Verschwendung zum Normalzustand ohne Folgen? Was passiert eigentlich mit den heutigen Rekordeinnahmen des Staates? Ich tue mich schwer mit dem Verstehen dieser Vorgänge. Aber wie wärs mal mit einem Ausgaben-Check, Freunde der Sonne?!

Ich finde, jede Person, die ein politisches Amt bekleiden will, sollte vorher mindestens ein Jahr lang ein Lädeli oder KMU führen und Verantwortung übernehmen, statt nur Theorie zu büffeln. Sie würde das echte Leben studieren, miterleben wie die «Untertanen» in ihrem Tätigkeitsfeld auf abenteuerliche Massnahmen reagieren und es dann besser einordnen können. Erst mit diesem Leistungsausweis sollten Berufspolitiker an die Honigtöpfe in Bern gelassen werden. Aktuell ködert man mit falschen Anreizen unpassendes Personal. Niemand, nicht einmal die Finanzbranche, bezahlt solche Gehälter wie die staatliche Verwaltung. Lockstoffe wie Wohlstand und Prestige ziehen leider oft lethargische und abgehobene Charaktere in die Kontrollstuben.

Es wird gemunkelt, wer in Staatsbetrieben nicht um 17 Uhr den Griffel niederlege und gar Dinge vereinfachen wolle, gelte schnell als Motzer und Aufmischer und reduziere seinen Freundeskreis. Dazu kommt die Obrigkeitsgläubigkeit - etwas, das mich erschaudern lässt! Sie macht aus Menschen hörige Waschlappen ohne Rückgrat. Einige Vorgänge wirken fast zu originell, wenn sie einem ans Ohr dringen: Nach dem sauglatten 2.8 Millionen teuren «Tanz dich frei»-Debakel in Bern darf der Verantwortliche munter weitertanzen, eine Untersuchung über sich selbst machen lassen und sogar den Untersuchenden selber bestimmen - ein nasser Lappen im Gesicht des Steuerzahlers. Man redet dann viel von Kontinuität. Auf die Verschuldung und Verschleierung trifft sie durchaus zu.

Alles über 30 Prozent Steuern ist eigentlich Räuberei!

Alles über 30 Prozent Steuern ist eigentlich Räuberei! Früher hatten die hart arbeitenden Bauern den Regierenden den Zehnten abzuliefern. Heute ist es ein Vielfaches - wofür? Für öffentliche Leistungen, für das Gemeinwohl. Dahinter verbergen sich auch qualitätssichernde Gremien, die alles Erdenkliche evaluieren. Sie füllen Speicherplätze, schwärzen Papierstapel und ziehen absurde Schlüsse aus ihren Untersuchungen. Das ist im Grunde ein Schneeballsystem: Bürokratie hoch unendlich! Jeder, der arbeitet, muss wiederum einem Kontrollgremium Rechenschaft über sein Tun und Lassen ablegen. So werden Dokumente durch Instanzen weitergereicht, ohne dass dabei jemand eine Arbeit im ursprünglichen Sinne verrichtet hätte. Es wird wie wild ausgewertet und geschlussfolgert, damit man die Formulare zur Auswertung und die Auflagen verfeinern kann. Der Unterhund darf diese genau ausfüllen und so bezeugen, dass allfällige suboptimale Komponenten nicht existent sind. So wird das arbeitende Volk gepeinigt bis zur Ausbrennerei. Die Folge davon ist auch eine Konstanz, was das Ansteigen der Krankenkassenprämien betrifft. Die psychische Befindlichkeit ist kein erfreuliches Thema.

Ich bin ein Verfechter der Idee, dass der Starke dem Schwächeren nachhaltig helfen soll. Ich will greifende Sozialnetze, gut ausgerüstete Schulen, familienfreundliche Politik, einen sicheren Lebensraum, solide Strassen und ÖV. Dafür will ich zahlen. Ich sehe jedoch zu viele dieser Zwangsabgaben in schwarzen Löchern, absurd dekorierten Kreiseln und vielem anderem überteuertem Unsinn verschwinden. Klar gäbe es Menschen, die fähig und tüchtig wären, diese Missstände zu beheben, aber die kriegen oft die Flügel gestutzt, bevor sie die trägen Wiederkäuer aus ihrem Dauerschlaf wecken können.

Einfach Gebühren rauf, Ausgaben über Schulden finanzieren und noch mehr Verwaltung kann sicher nicht die Lösung der Zukunft sein - erst recht nicht, wenn die Zinsen wieder mal steigen. Jede verantwortungsvolle Familie, die schon einmal ins Minus geriet, musste beinhart lernen, sämtliche Ausgaben auf den Prüfstand zu stellen. Das ist natürlich nicht immer einfach, aber genau da schlampen etliche Politiker mit Vorsatz, damit ihre Wählerschaft nicht säuerlich reagiert.

Der französische Sonnenkönig Louis XIV meinte: «Der Staat bin ich!» In der Schweiz ist der Souverän gemäss Bundesverfassung das Volk. Auch wenn uns der Bundespräsident aus Germanien vorflötelt, dies sei zweifelhaft, da das Volk gewissen «komplizierteren» Zusammenhängen nicht gewachsen sei. Ich denke eher, dass sich die einen Leute alle vier Jahre blenden lassen und die anderen den Glauben an die Politikerkaste zu Grabe getragen haben und die Wählerei verschmähen. Ein sehr bedauerlicher Trend.

Wie gerne würde ich zur Abwechslung nebst den Steuererhöhungen mal folgende Schlagzeile lesen: Führungspersonal verzichtet auf 20 Prozent des Lohnes, da Kantonskasse leer!

Weitere «Notabene» von Chris von Rohr, Peter Bichsel & Co. finden Sie im SI-online-Dossier.

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