Notabene Chris von Rohr Buchstabensuppe

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 62, über den Zauber und die Macht der Sprache.

Buchstaben ziehen mich seit je in ihren Bann. Ich halte diese Erfindung der Menschheit, mit Linien in verschiedenen Formen zu kommunizieren, für genial. Obschon wir lediglich 26 Lettern zur Verfügung haben, sind wir in der Lage, damit einen emotionellen Tsunami loszutreten und Stimmungen zu transportieren, die wir objektiv gesehen doch gar nicht in dieses Gewusel von Zeichen packen können. Und doch gehts - grosses Kino!

Unsere ganz persönliche Art, wie wir aus den einzelnen Lauten Wörter formulieren und daraus Sätze komponieren, liefert ein Bild davon, wie es in unserer Seele aussieht. Obwohl ich das im Text gar nicht beschreibe. Das Schreiben und Lesen hat eine metaphysische Dimension. So kann mich nach der Lektüre eines Buches, eines Interviews oder der Kolumne eines anderen Schreibakrobaten gar das Gefühl heimsuchen, den Verfasser zu kennen, ich fühle mich ihm seelenverwandt und ginge am liebsten etwas mit ihm schlürfen... Kennen Sie das?

Kürzlich paarte sich das Buchstabenwunder in den Tiroler Bergen mit einem anderen sinnlichen Grossereignis im Leben des Menschen - dem Essen. Ich fand folgendes Angebot auf der Kinderkarte: Teller und Besteck zum Krach machen - Euro 0.00.

Sprache kann uns, einerlei ob in gesprochener oder geschriebener Weise, auf einen Schlag aufheitern, entzücken und beflügeln. Ebenso vermag sie uns binnen eines Atemzugs aus der Bahn zu werfen oder vibrieren lassen. Jeder von uns erinnert sich an eine unfeine Bemerkung, die sich schmerzhaft in seine Seele gebrannt hat und auch nach Jahren nicht verschwinden will. Andererseits trage ich verbale Schätze in mir, lieb und teuer. An denen halte ich mich in Zeiten des Zweifelns fest. Sprache ist offensichtlich ein Machtinstrument. Manchmal, wenn ich in einer Zwickmühle bin, eine schwierige Situation eine Reaktion von mir erfordert, mache ich erst ein Gedankenspiel: Welches wäre die direkteste und niederschmetterndste Antwort, die ich geben könnte? Was weiss ich zu sagen, das sitzt? Danach überlege ich mir die witzigste oder charmanteste Antwort, die ich auf diese unangenehme Sache geben könnte.

Normalerweise wähle ich ehrlichen, ungeschönten Klartext, wobei die Haltung des Empfängers schon eine Rolle spielt. Muss ich jemanden fadengerade aufklären, auf seinen Platz verweisen, oder will ich ihm eher Mut machen und den Sand von den Schultern klopfen? Meist finde ich so meinen Weg.

Bereits Grundschulen und Eltern müssen sich heute mit dem Thema Cybermobbing befassen. Das Internet wird als beinahe rechtsfreier Raum für allerlei Schimpf benutzt. Wer dem verbalen «Nahkampf» nicht gewachsen oder zu feige ist, dem bieten sich einschlägig platte Formen an, um Dreck hinter dem Gesicht hervor und auf den Bildschirm zu schleudern.

Ich gebe mit meiner Art zu kommunizieren vieles von mir preis. Sprache ist eine individuelle Stil- und Charakterfrage. Ebenso wie die Art zu gehen, die Schrift oder die Kleidung es sind. Auch in der Sprache zeigt sich, ob ich eher ein Trendsetter und Wiederkäuer bin oder ein eigenständiger Anwender. Ich liebe es, mit der Sprache zu spielen, und hie und da gelingt mir ein Volltreffer. Die Ausdrücke «Dumpfgummi» und «Blockflötengesichter» verbreiten viel Freude, und «Meh Dräck» wurde gar zum Wort des Jahres gekürt. In unseren Songs hingegen bevorzuge ich Englisch. Ich suche Ausdrücke, wie Google sie noch nicht kennt. «Hoodoo Woman», «Dög Song», «Bedside Radio», «Long Stick Goes Boom».

Geborgenheit, Sternenstaub, Morgenland, Fernweh

Der begnadete Künstler David Bowie, der die Pop- und Modewelt revolutionierte, sagte mal: Würde Gott zu den Menschen sprechen, täte er dies in Deutsch. Das könnte stimmen, denn es gibt kaum eine Sprache, die einerseits so dramatisch verspielt und andererseits so zackig präzis ist. Die schönsten deutschen Wörter für mich sind: Geborgenheit, Sternenstaub, Morgenland, Fernweh und Vergissmeinnicht. Sie beschreiben auf unglaubliche Art ein Gefühl, für das ich sonst kein Wort kenne. Pure Musik! Aber auch «lieben» ist wunderschön, weil es nur ein i von «leben» entfernt ist. Und «Lust» beschreibt aufs Vortrefflichste diesen Zustand. «Hafenkran» tönt etwas härter, ist es auch. Übrigens: Wenn man diesen wunderbar stolzen, verlebten Kran schon hinstellt, sollte man ihn auch mindestens ein paar Jahre da lassen - er tut dem herausgeputzten Züri gut. Der perfekte Kontrast zu den Limmatquai-Kafis, Sonnenbrillenshops und Nobelboutiquen.

Ich bin - Alter sei Dank - längst niemandem mehr ausgeliefert, der mir nicht passt und nicht guttut. Meine Ohren führe ich an Orte, wo eher meine Lachfalten gefördert werden denn die Sorgencanyons. Sonst bin ich wohler daheim mit einer guten Buchstabensuppe. In dem Sinne: Salam aleikum, gehen wir in Frieden, aber gehen wir...mindestens 10'000 Schritte pro Tag empfiehlt Hausdoktor Ali Mabulu.

Alle «Notabene»-Artikel von Chris von Rohr und Co. finden Sie im SI-online-Dossier.
 

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