Notabene Chris von Rohr Jahresschätze

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor über die Adventszeit, Weihnachtsbäume und wofür er in diesem Jahr besonders dankbar ist.

Es ist erst ein paarmal schlafen her, da reiste ich nach einem Konzert in Wales weiter nach London und stand bald in der Oxford Street. Hochbleigeladene Luft und kalte, weisse Weihnachtslichter stachen in meine Augen. Die Schaufenster boten das Gleiche wie die Fernsehprogramme: die volle Dröhnung - überladen und gemütsfrei.

Ich ertrug es vielleicht eine Stunde. Dann fühlte ich mich wie ein genetztes Hirschleder und suchte Zuflucht in einem Pub namens Sherlock Holmes. Da war auch Lärm, aber eine andere Sorte. Zufrieden und freudig prostete sich der bunte Londoner Menschenmix zu. Ich nippte an meiner Pint, lauschte dazu einem alten Bob-Dylan-Song und betrachtete die gehetzten Wesen, die am Fenster vorbeiwuselten. Jedes auf seinem mir unbekannten Weg.

London ist eine Herausforderung und vielleicht gerade deshalb meine Lieblingsstadt. Trotz vielen Konfusionen und Ärgernissen hat sie mich bisher nicht satt gemacht. Mir gefallen die wunderbaren Pärke, die fantastische Architektur und die witzigen, natürlichen Menschen, die trotz miesen klimatischen Bedingung einen beachtlichen Galgenhumor pflegen. Fast jeder Taxifahrer weiss mehr über das Leben zu erzählen als manch ein Geschichts- oder Psychologieprofessor. London hält stets eine Überraschung für mich bereit: Diesmal besuchte ich das legendäre Stadtgefängnis The Tower. Dort wollte ich die britischen Kronjuwelen für meine Tochter fotografieren (nicht klauen). «No pictures here», schnauzte eine angesäuerte Uniformierte. Ich fragte, ob sie eine schlechte Nacht zu beklagen habe. Das kam nicht gut an. Zwei Beefeaters - die wohlgenährten Wächter des Towers - begleiteten mich ruhig, aber ohne Brainstorming an die frische Luft. Wie ich dann draussen vor dem Souvenirshop stand, musste ich schmunzeln und war doch irgendwie froh, nicht im 16. Jahrhundert abgeführt worden zu sein. Na ja, man stelle sich vor, die von mir bewunderte Königin Anne Boleyn hätte vor ihrer Hinrichtung im Mai 1536 noch ein Selfie mit ihrem Scharfrichter verschickt… Ich denke, dass sich eventuelle Zeitreisende von damals hier einigermassen verwirrt umsehen würden.

Sind wir Menschen nicht auch bloss Weihnachtsbäume?



Zurück in der Schweiz wanderte ich an einem goldlaubigen Nachmittag flussaufwärts. Fernab der Kaufrauschhallen und Glöckchenmusik erinnerte noch nichts an die nahende Weihnacht - bis ich an einer Christbaumplantage vorbeikam. Viele Tannen sind mit bunten Etiketten klassiert. Ihre Tage hier sind offensichtlich gezählt. Die Kleineren gehen leer aus. Sie dürfen dafür noch verweilen. Sie wachsen schlafend vor sich hin - in der Windstille einer Geländemulde. So verbiegen sie sich kaum. Zwar entwickeln sich Weihnachtsbäume robuster, wenn es ihnen zuweilen etwas frisch um die Krone luftet, aber die geraden lassen sich einfach besser schmücken und verkaufen. Ich überlege: Sind wir Menschen nicht auch bloss Weihnachtsbäume? Manche Kinder wachsen windstill auf und bilden kerzengerade Rücken, andere hocken in der Bise fest und geraten knorrig. Dazwischen existieren alle Nuancen. Was ist das richtige Mass? «Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift sei», erklärte Paracelsus zwei Jahre nach Anne Boleyns Hinschied.

Während ich vor mich hin fantasiere und weihnachtsbäumige Tagträume gewähren lasse, gleiten Meter und Kilometer unter meinen Füssen durch, und das Laub wirkt zunehmend dunkler und matter. Tag und Jahr vergehen. 2014 war ein Erntejahr für mich. Die Musik führte mich quer durch Europa. Ich durfte gehaltvolle Zeiten mit meiner Tochter und eine friedliche Trennung von der Partnerin auf den Malediven erleben. Ausserdem genoss ich die wundervolle Fussball-WM, einfache Tage in Kreta und die Verblüffung, dass Pop-Queen Rihanna in ein Krokus-T-Shirt schlüpfte. Die Highlightparade setzt sich weiter fort: Zu meinem völlig unrunden Geburtstag erhielt ich eine Segnung von Papst Franziskus und den Ahornbaum Bodhi, der mir seither mit seinen spektakulären Blätterfarben die Augen wärmt. Dann waren da noch ein fantastisches Rolling-Stones-Konzert, die spielenden Kids vor und in meinem Haus, die eine oder andere gute Mahlzeit und eine berauschende Buchentdeckung von Frank McCourt. Wundertüte Leben, wie verwöhnst du mich! Ich schätze es auch vollstens. Meine Begeisterungsfähigkeit und Dankbarkeit sind im Laufe des Lebens gewachsen, und das fühlt sich weihnachtlich gut an!

Liebe Leserinnen und Leser, es ehrt mich, von Ihnen gelesen zu werden. Pass it on, gebts weiter, sagen die Engländer! Das gilt nicht nur für bunte Rockdogs wie mich. Jeder von Ihnen trägt eigene Geschichten, Schätze in und mit sich herum. Reichen Sie sie weiter! Sorgen Sie für lebendige Unterhaltung - schäbige gibts in Fülle.

In dem Sinne: Erfreuen Sie sich an geraden und krummen Weihnachtsträumen, und entschweben Sie leichtfüssig und vollherzig ins 2015!

Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Peter Bichsel und Helmut Hubacher finden Sie im grossen SI-online-Dossier.

Auch interessant