Notabene Chris von Rohr Merci, Genie

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor über Udo Jürgens, †80 - den Sänger, Romantiker und Freund.

Ich weiss, es wurde schon überaus viel geschrieben und gesagt. Verstorbene können keinen Einfluss mehr nehmen. Ungeschützt sind sie den «trauernden Freunden» und «Kennern» ausgeliefert. Ich war kein enger Freund von Udo Jürgens. Er hatte eh nur wenige echte - wie wir alle -, trotzdem will ich, bevor der Strom der Zeit uns weiterreisst, noch ein paar Gedanken, Bilder und Erinnerungen, die meine Festtage prägten, mit Ihnen teilen.

Udo war der Lieblingssänger meiner Mutter. Er traf trotz dem Beat- und Rock-Aufbruch auch bei mir einen Nerv. Ich war von Kindesbeinen an in das Piano verliebt, dieses Klanguniversum in Dur und Moll. Es löst in mir, schön gespielt, etwas Monumentales, etwas Grösseres als das real Erlebbare aus. Ein Klavier ist ein ganzes Orchester in den eigenen Händen.

Ich den 60er-Jahren befand ich mich im beruflichen Niemandsland mit grossen Träumen, aber ohne klare, gesicherte Zukunft. Udos Song «Was ich dir sagen will» (sagt mein Klavier) gab mir damals Trost und einen richtigen Schub. Die Kraft für die Hoffnung, die mich phasenweise unverwundbar machte. Ich fand und ging meinen eigenen Weg. In der Musik sowie der Liebe.

Schicksal, Ausdauer und Fortuna waren mir tatsächlich hold, und ich durfte später mit Krokus unerwartet grosse Erfolge feiern, ein paar Hits gebären und die Welt bereisen. Ich wurde beglückt von schönen Bühnen und wundervollen Frauen, bekam alles, was sich ein Musiker wünscht. Später erlebte ich eine erste Begegnung mit dem Grandseigneur des deutschen Chansons. Ich war eingeladen, als Musikproduzent seinen Song «Siebzehn Jahr, blondes Haar» mit Steve Lee und Gotthard rockig umzusetzen. Der Anlass war Udos sechzigster Geburtstag in Innsbruck, und es wurde ein gigantisches Fest mit vielen internationalen Gästen. Danach wurde gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Ja, diese Nacht bekam rosarote Ränder.

Traumtänzer im Irrsinn des Lebens


Für Udo ging spürbar ein Lebensabschnitt zu Ende. Und so waren wir auch in bluesiger Stimmung, als wir uns ein paar Tage später spontan in seiner Wohnung im Corso-Haus in Zürich trafen. Es entstand ein ungewöhnlich tiefgründiges Gespräch über Gott, das Leben, die Musik und die Liebe. Ein Satz, der mir besonders blieb, war: «Die Einsamkeit ist der Nullpunkt, wo alles wieder zu wachsen beginnt.» Ich wusste genau, wovon er sprach. Er legte witzig und philosophisch nach: «Das Leben ist doch ein grosser Widerspruch; heirate oder heirate nicht, du wirst es bereuen.» Ich lernte da aber auch einen hilfsbereiten Menschen kennen. Damals hatte ich arge Probleme mit meiner Liebsten, und ich erzählte ihm das. Wir sprachen länger darüber. Plötzlich ergriff Udo entschlossen das Telefon, um mit meiner Freundin die Wogen zu glätten. Was ihm auch prompt gelang. Danach spielte er für uns (die Telefonleitung war noch offen) den wunderschönen Jazzstandard «There will never be another one like you». Welch ein magischer Moment - für mich unvergesslich!

Dieselbe Freundin holte Udo ein Jahr später im Beverly Hills Hotel ab und brachte ihn zu mir ins Aufnahmestudio. Die Freude war riesengross. Wir nahmen ein Piano zu meinem Song «Sweet Little Rock ’n’ Roller» auf. Die Stimmung war ausgelassen, als wir danach den legendären Sunset Strip runterfuhren und im «Rainbow Bar and Grill» zu Nacht assen. Er zeigte sich interessiert an all den Rockbands, die in diesem bekannten Lokal mit Fotos, Widmungen und Platin-Auszeichnungen verewigt sind. Ganz abgesehen vom betörenden Servicepersonal, das uns allen immer wieder den Kopf verdrehte. Er war stets freundlich und respektvoll - alte Schule eben.

Viel später lud er mich nach einer spontanen Solo-Aufnahme im Studio in sein neues Haus in Zumikon ein. Wieder ergaben sich extrem spannende Gespräche und dazu Hausmusik am Flügel. Wir jammten sogar an einem neuen Song mit dem Arbeitstitel: «Face of an Angel». Udo ermunterte mich an jenem Abend zum Textschreiben und schenkte mir ein Exemplar seiner monumentalen Biografie «Der Mann mit dem Fagott» mit der Widmung: «Welch seltsame Wege sind es doch, die zur Freundschaft führen - bleib der Rock ’n’ Roller, der du bist. Dein Udo.»

Draussen schneit es. Die medialen Aasgeier fliegen tief: «Udo heimlich verbrannt», «Streit ums Erbe!», «Er hat den Tod verdrängt», «Der irre Run auf Udos Bademäntel». Ich sitze an meinem Schreibtisch. «Bis ans Ende meiner Lieder» erklingt, und ich versuche, seine Musik in Worte zu fassen. Sie ist kraftvoll, bombastisch und trotzdem federleicht, mit viel Sehnsuchtspotenzial für Heimatlose. Seine besten Balladen sind Gebet und Erhörung zugleich; eine ästhetische, alchemistische Verbindung.

Merci, Udo, merci, du mein grosser, eleganter Romantiker, es war schön, so schön! Du hast alles von dir gegeben und uns immer wieder gezeigt, was wir eigentlich alle sind: Traumtänzer im Irrsinn des Lebens - diesem Feuerwerk an zu leichten und zu schweren Momenten!

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