Notabene Chris von Rohr Christkinderland

Chris von Rohr, 62, Musiker, Produzent und Autor über eine Weihnachtserinnerung, die ihm bewusst machte, was Älterwerden bedeutet.

Für viele mag die Weihnachtszeit nur noch Ärger und Stress bedeuten. Die ganze Materialschlacht, Konsumwut und Rastlosigkeit haben die einstigen Sinn- und Glücksgefühle dieses Rituals fast besiegt. Man mag nun gläubig sein oder nicht, wer aber in diesen Tagen an nichts Grösseres als an sich selbst und seinen Porsche glaubt, kann auch unter vielen Menschen recht einsam und leer bleiben. Ich verbinde das Christkindfest immer wieder mit dem Glück, mit den Eltern und Grosseltern feiern zu können, einem Glück, das es für mich nicht mehr gibt. So ist der Lauf des Lebens - nichts für empfindsame Seelen. Gerade an Weihnachten wird einem das schonungslos vor Augen geführt. Trotzdem klingt da nebst der Freude meiner Tochter noch etwas nach, an das ich immer wieder gerne zurückdenke - wundervolle Geschichten, als seien sie erst gestern geschehen.

Es war in unserem Elternhaus in Solothurn an Heiligabend im schön geschmückten Wohnzimmer. Kurz vor dem Essen sangen wir Weihnachtslieder, die Grossmutter wie immer köstlich falsch in den hohen
Lagen. Zwischendurch ging meine Mutter in die Küche, um anzurichten. Mein Hund Buzzli beobachtete, wenns ums Essen ging, die Szene ganz genau. Das wohlriechende Rollschinkli lag nur 20 Sekunden unbeaufsichtigt am Tischrand, und schon war es im Maul des Labradors. Oma Ida-so-was-war-noch-nie-da rief entsetzt: «Gib aus, Buzz, gib aus!», was er auch sofort in geduckter Haltung tat. Wir Kinder hielten uns die Bäuche vor Lachen. So war er eben, der Buzz, und man konnte es ihm nicht verübeln, schliesslich wollte er auch etwas Spass haben an diesem Festtag. Nach dem Nachtessen sassen wir alle um den Baum und bestaunten seine Schönheit, mit all den Kerzen, dem Glitter und Glimmer und den alten, farbigen Kugeln, in denen sich das ganze Zimmer spiegelte. Dann las unser charismatischer Grossvater Hermann aus der Bibel die Geschichte von Jesu Geburt, den Hirten und der Herde. Das war der Kern dieses Festes, die bewegte Stimme des Grossvaters und der Blick zur Krippe mit all den schönen Figuren. Die Heiligen Drei Könige, Maria, Joseph und ein kleines weisses Schaf, das friedlich auf dem Schilfdach lag. Ein ganz schwaches rotes Licht brannte im Inneren der Hütte. Ein unschlagbarer Anblick, gerade in dieser Einfachheit. Daneben dann, unter dem Baum verstreut, die Geschenke, die so treffend den Gegensatz zwischen Erd- und Gottesreich, zwischen natürlicher und andächtiger Freude aufzeigten. Die Freude über Jesu Geburt im Stall von Bethlehem, dieses Kerzenlicht, der Duft von Zimtsternen und Lebkuchen und dann diese drängende Unruhe im Herzen, ob nun das so lang Ersehnte auch unter den Geschenken sei. Eine wirklich skurrile Mischung.

Unvergessen bleibt mir das Gesicht meines vier Jahre jüngeren Bruders beim Anblick seines Geschenkes. Es war ein Forscherkasten mit diversen Experimentierfläschchen. Etwas, das er sich immer schon gewünscht hatte. Im Glanze des feinen Kerzenlichtes erschien sein Antlitz wunderschön. Ein selig strahlendes, vor Glück und Freude ganz und gar verzaubertes, blond gelocktes Kindergesicht, so rein und leuchtend, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Während ich, ausser dem weissen Beatles-Album, keines meiner Geschenke von damals noch in Erinnerung habe, blieb das Bild dieses Brudergesichtes für immer in mir haften. Später fand ich heraus, warum. Es war nicht nur Schönheit, die diesem magischen Moment innewohnte, nein, es war auch ein entferntes, damals noch nicht bewusstes Erkennen, dass meine Kindheit vorbei war. Mein Bruder erlebte seine Geschenke wie ein Paradies. Mir blieb dieses unbeschwerte Glück bereits versagt. Ich konnte es zwar noch von aussen betrachten, aber die Unschuld, das Wertvollste, war verloren. Ich war zwar jetzt gescheiter und älter, aber auch kälter und verächtlicher.

Hermann Hesse schrieb: «Es gibt kein Wachstum, das nicht ein Sterben enthält. Es fällt in jedem Augenblick ein Blatt vom Baum, es welkt eine Schuppe von mir ab. Dies geschieht in jeder Stunde unseres Lebens, es ist des Werdens und Welkens kein Ende. Nur selten sind wir wach und achten darauf, was in uns vorgeht. Aber muss das so sein? Warum eigentlich scheint es uns selbstverständlich, dass das Leben eine böse Macht ist, die aus dem Kinderland hinein in Schuld, Enttäuschung und ungeliebte Arbeit führt? Warum sollen Freude und Unschuld diesem Leben notwendig zum Opfer fallen?» Ich weiss es nicht, doch seit ich mir diese Frage stelle, sind für mich Weihnachten und auch viele andere Tage des Jahres wieder wertvoller, bedeutender und inhaltsvoller geworden. Nicht Geld, Macht oder Besitztum machen uns reicher, sondern Hingabe, Teilnahme und Liebe. Das ist ein altes Lied, ich weiss, aber Wahrheit veraltet nicht.

Ich wünsche Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, inspirierte, erholsame Festtage.

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