Notabene Chris von Rohr Vergrobung allenthalben

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 61, über Egoismus, Schreckensereignisse und die Familieninitiative.

Egal ob in Spanien, Rumänien oder Kreta - wohin ich schaue, behandelt man Tiere, als wären sie schmerzfrei. Unzählige Hunde werden vergiftet oder fristen ein himmeltrauriges Dasein an einer Kette. Sie werden höchstens als Alarmanlage fürs Haus geduldet. Hartherzigkeiten wie diese stimmen mich ratlos.

Aus dem Jemen hören wir: Ein achtjähriges Kind wurde verheiratet und in der Hochzeitsnacht zu Tode penetriert. Gebärmutter zerrissen. Wie kann ein Mann sein Geschlecht in ein Kind hineinrammen, dessen Scheide die Grösse seines kleinen Fingers hat? Wie tief sinkt ein Volk, wenn es solche Ehen zulässt? Hinter dieser Gesetzgebung muss eine grundlegende Verachtung von Mädchen und Frauen stecken. Weibliche Menschen sind Frischfleisch und Verbrauchsartikel.

Einer Frau in Saudi-Arabien drohte der Tod, weil sie vergewaltigt worden war. Es geschah ihr Unrecht, dafür wird sie bestraft. Der ultimative Hohn. In Indien sind Massenvergewaltigungen im Trend. Ein paar Showprozesse vermögen dies kaum zu ändern. Die Story mit dem verkauften Romakind Maria ist nur ein Beispiel von vielen, denn der Kinderhandel blüht. Oder die Sache mit den ungarischen Prostituierten, die, so scheint es, weniger wert sind als abgelaufene Pneus. In Afghanistan und Pakistan werden täglich Kinder mit Killerdrohnen umgebracht.

Falls Sie jetzt schreien: «Schrecklich, sofort aufhören!», dann bin ich beruhigt. Sollten Sie diese Dinge kaltlassen, dann schauderts mich nochmals. Es erschreckt mich, dass auch bei uns Vergrobung plus falsche Härte auf dem Vormarsch sind und gesellschaftsfähig werden.

Da halten eine Ex-Schönheitskönigin und ein Ex-Skifahrer stolz je einen Hummer mit zusammengebundenen Scheren in die Kamera, um die Tiere anschliessend in den Sud zu schmeissen. Und ein wohlsubventionierter Bauer lässt gerade seine Schafe, die er nicht einfangen mag, auf der Alp verhungern und erfrieren. Was empfinden Menschen bei diesen Tötungsakten? Suhlen sie sich in ihrer Macht, ist es ein Art Lust, oder spüren und denken sie gar nichts? Malochen, fernsehen, Bier trinken, Schwamm drüber.

Ich würde erwarten, dass die Welt zumindest beim Barbarentum im Jemen und in Afghanistan aktiv eingreift. Aber weit gefehlt! Man kehrt das lieber unter den hochflorigen Teppich und geht zur Tagesordnung über. Die weltweiten Wirtschaftsbeziehungen und das Wachstum sind wichtiger. Fragt sich nur, was bringt uns so ein Wachstum?

Der Staat darf kein bestimmtes Familien- oder Betreuungsmodell bevorzugen

Ich denke einmal mehr an die Kleinsten, die Nachwelt, die wir gründen und einrichten. Ich würde ihnen gern gesunde, wetterfeste Wurzeln geben. Ein Urvertrauen und die Courage, sich gegen Ungebührlichkeiten zu wehren. Ob sie dies in der steuerlich abziehbaren Krippe oder zu Hause lernen, beides muss drin sein und unterstützt werden. Erziehung und Vorbilder mit Herz und Verstand sind wichtig und ein grosser Dienst an der Gesellschaft. Sie sollten ebenso viel kosten dürfen wie Kriegsgerät. Darum heisse ich die Familieninitiative willkommen. Der Staat darf kein bestimmtes Familien- oder Betreuungsmodell bevorzugen. Ein Land wie unseres sollte noch mehr auf Ethik, Chancengleichheit und Fairness bauen.

In den ersten Jahren werden die Weichen fürs Leben gestellt. Vernachlässigung, Stress, Spott, Herumgeschiebe, menschliche Kälte und Kleinmacherei sind Formen der Misshandlung, die sich später rächen. Den Sozialstaat und den Steuerzahler kosten sie dann Milliarden. Therapieplätze, Betreuer, Heime, Gefängnisse und Medikamente sind ruinös für jedes Budget. Unglück ist teuer. Und wer hinter ihm herläuft, kommt oft hoffnungslos zu spät. Eine Investition in die Vorbereitung auf das Leben - also in Familie und Kind - ist faktisch auch eine Sparmassnahme.

Eltern stehen selber häufig unter Druck und geben ihren Frust an die Kinder weiter. Trotzdem sollte die Familienzeit heilig sein. Stattdessen werden oft Ego und Karriere mit religiösem Eifer verfolgt. Die Folge sind vergrämte und gehässige Blockflötengesichter statt Lebensfreude. Mir fällt das jedes Mal auf, wenn ich aus ärmeren Ländern zurückkomme. Was andernorts gesungen und gelacht wird! Das ging im Wohlstand verloren. Kein Wunder, ist die Selbstmordrate hierzulande eine der höchsten. Wer hungrig ist, kämpft ums Überleben, und wer zu viel will und kriegt, verliert zunehmend Bodenhaftung und Seelenbalance.

Jetzt bin ich leicht abgeschweift. Von den Schreckensereignissen zurück in die Zukunft zu unseren Kids. Ein Touch mehr Besinnung täte uns gut - auf ein zufriedeneres, menschenfreundlicheres Leben. Dann würden vielleicht etwas weniger erkaltete, verlorene, gefühllose und abartige Wesen die Schlagzeilen prägen.
 

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