Notabene Chris von Rohr Alle Vögel sind schon da

Musiker, Prodzent und Autor Chris von Rohr, 62, über die Einwanderungsdiskussion.

Meinungen und Betrachtungsweisen einer Sachlage sind oft geprägt vom eigenen Brutbereich. Jeder argumentiert aus seinem Nistkasten und nach seinem Ge-Wissensstand und überlegt sich, welche Konsequenzen er für sich und die Seinen zu gewärtigen hat. Ich finde das menschlich und völlig okay.

Mein Nistkasten: Ich schaue auf 62 Frühlinge zurück, bin Vater einer 13-jährigen Tochter, lebe im helvetischen Mittelland und habe, wenn alles rund läuft, noch rund 25 Jahre zu leben. Ich bin Haus- und Bodenbesitzer, kann also vom unbegrenzten Run in unser Land und seiner Wertsteigerung profitieren. In den Zügen verkehre ich fast nie zu Stosszeiten. Mein Auto besteige ich selten, und ich meide die Autobahn. Ich führe heute ein privilegiertes Leben.

Als Musiker und Weltbürger habe ich Grenzen immer verabscheut. Ich finde - etwas vereinfacht gesagt - Mischlinge die schönsten, interessantesten und oft auch gesündesten Kreaturen, sei es Mensch oder Tier. Wir haben in unserer Band einen zugewanderten Malteser und Italiener. Mein Doktor kommt aus China, unser Sound-Mischer ist ein Ami und der Manager ein halber Perser. Berührungsängste mit fremden Kulturen kenne ich nicht.

Ich erwähne das, weil der Einwanderungsdiskussion zu Unrecht ein rassistischer Abschottungsvorwurf einverleibt wurde. Es geht hier nicht um Links-Rechts-Politik, sondern um ökonomische und ökologische Probleme. Die Ressourcen sind endlich. Das verhält sich beim Biotop im Garten genau gleich wie beim Planeten Erde und dem kleinen Schweizerländchen. Es ist jedoch stets von Wachstum die Rede und wie sehr wir darauf angewiesen seien.

Genau da wuchsen mir während der besagten 62 Mal Ostern grosse Zweifel. Ich denke nicht, dass wir noch reicher und glücklicher werden, wenn wir uns für Wachstum und Wirtschaft versklaven. Trotz einem gewissen Wohlstand nehme ich eher das Gegenteil wahr. Die Betrachtung eigener und fremder Nistkästen war mir Anschauungsunterricht genug. Wie viel mehr wird in wirtschaftlich ärmeren Ländern gelacht und gesungen! Zu viel Material ist Gift für die Erdbewohner. Es stresst und verwirrt sie nur. Die Geschichte zeigt, Übertreibungen haben ihren Preis und rächen sich zu gegebener Zeit. Der Bumerang kommt immer zurück, wenn ihn kein anderer abfängt.

Jedes Jahr kommen über 80'000 Einwanderer zu uns. Das gibt es weltweit prozentual in diesem Ausmass nirgendwo. Welchen Gedanken haben Sie beim Lesen dieser Zahl als ersten? Juhui, ich liebe die Dichte, das gibt warm - oder jesses, 80'000 Geschäfte mehr, die täglich durch die Kanalisation gespült werden müssen? Das Unbehagen der Bevölkerung ist ernst zu nehmen. Der Wunsch, dass unser Kleinstaat die Zuwanderung umgehend kanalisiert und regelt, ist absolut legitim. Andere Länder sind zum selben Schluss gekommen.

Dieselben Ökonomen, die uns jetzt mit gespannten Gesichtszügen vor einem Einwanderungskontingent warnen, haben doch gerade eben noch die grosse Wirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit prophezeit. Von der will jetzt grad niemand mehr etwas wissen. Wer an seinem Nistkasten anbaut, will nicht über das Baumsterben diskutieren. Das tut man dann, wenn man ihn sowieso verlässt. Selten trifft man während Hochzeiten demütige Entscheide. Die fragile, sich stetig wandelnde Welt wird in Festlaune ausgeblendet.

Sei positiv und mutig, rechne aber immer mit dem Schlimmsten, dann kommt das Gute automatisch, habe ich mir während der 62 Neujahre oft gedacht. Denken unsere Politiker so? Ich fürchte nicht. Direkte Demokratie heisst mitbestimmen und frei wählen. Ich bin viel im Ausland unterwegs und schätze die Errungenschaften der Schweiz. Viele Länder bewundern uns dafür. Und für unsere Qualitätsprodukte. Wir dürfen sie ruhig selbst auch etwas höher einschätzen und sollten Sie pflegen und hegen wie einen Schatz.

Angst war schon immer der schlechteste Berater

Dass die Schweiz, die in ihrer Geschichte schon immer unter Druck von aussen stand, ein offener, unabhängiger Staat bleiben will, bestätigt sogar Aussenminister Didier Burkhalter. Nur muss er auch wissen, dass ein angeschlagener Tiger anders kämpft als ein gemästetes Säuli. Er täte gut daran, die fittesten und hellsten Köpfe ins Haifischbecken der Politverhandlungen zu schicken. Man darf auch mal konsequent und selbstbewusst Nein, Stopp! sagen. Auch wenn der Schweizer nichts so scheut wie Spannungen und Krach. Ein paar Monate später trifft man sich in der Mitte, das liegt in der Natur guter Verhandler - gekuschelt wird woanders. Deswegen geht die Welt nicht unter, und Angst war schon immer der schlechteste Berater.

Nach all den hysterischen Panikdiskussionen und der gigantischen Verschwendung von Propagandageldern will ich jetzt in meinen Brutkasten fliegen und aufhören zu zwitschern. Egal, wie diese Abstimmung ausfällt, der nächste Frühling kommt bestimmt.

Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Peter Bichsel, Helmut Hubacher und Peter Scholl-Latour finden Sie im grossen SI-online-Dossier.

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