Notabene Chris von Rohr «Der ewige Rock'n'Roll»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über Rock'n'Roll und die «Rolling Stones», die schon immer mehr als nur Musik waren.

Da stand ich nun, gerade mal 16 Jahre alt, mit grossem Herz und wenig Ahnung vom Leben; wo es mich hinführen würde und wo meine Seele zu Hause war. Solothurn war es damals nicht. Zu grau, zu beengend, zu unfreundlich, oder müsste ich sagen zu lebensfeindlich? Auf jeden Fall für Menschen, die auf Musik, Liebe und offene Worte setzten, fühlte es sich fremd, gegnerisch und kalt an.

Kein Wunder, dass diesem Klima vielerorts Studentenrevolten, Krawalle und Demonstrationen erwuchsen. Doch das war nicht mein Ding. Ich glaubte von Anfang an die rebellische, aber heilende Wirkung des Rock ’n’ Rolls und fand da Zuflucht. So gab es für mich im April des Jahres 1967 nur ein grosses Ereignis: die Rolling Stones im Zürcher Hallenstadion. Daraufhin fieberte ich seit Monaten.

Ich erlebte gerade noch drei Songs der 35-minütigen (!) Show und staunte über die unzufriedenen Randalierer. Die darauffolgende Konzertberichterstattung fand nicht im Kulturteil der Zeitung statt, sondern unter Gewalt und Verbrechen. Es war der Vorgeschmack zu den 68er-Unruhen. Definitiv kein guter Vibe. Es war aber auch eine Zeit des Aufbruchs. Wohin auch immer. Aber wie sagt das Bonmot: Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Die Gemüter beruhigten sich wieder, und aus den Revoluzzern wurden plötzlich normale, angepasste Konsumenten, Mamis und Papis, die viele andere Sorgen und Verantwortungen hatten. Die Welt war eben doch nicht mit Wurfgeschossen und hohlen Parolen zu verändern, da musste man schon bei sich selbst beginnen.

Die Stones waren immer mehr als Musik. Sie verkörpern den Rock ’n’ Roll in seiner ganzen Vielfalt

Und heute? Ja, heute bin ich in Hamburg, um die Rolling Stones am Eröffnungskonzert ihrer «No Filter Tour» zu erleben. 82 000 Menschen wollten das auch, das Konzert war an einem Tag ausverkauft. Die Band hat es irgendwie geschafft, in all den Jahrzehnten ihre Spielfreude, den Spirit und ihr Feuer zu bewahren. Ich kenne das selbst. Es ist der Zauber, die treibende Kraft der Musik, die einen zusammenhält und zusammenbringt – ein Groove, eine Stimmung. Wenn du einmal Tausende Konzerte gegeben hast, kannst du im Alter, wenn es dir körperlich gut geht, nicht plötzlich zu Hause auf dem Sofa versauern oder in Beizen rumhängen und von vergangenen Heldentaten schwärmen. Nein, Körper, Herz und Seele wollen mehr, viel mehr, und aufhören wäre feige. Diese Liebe zur Musik, dieser ewige Beat ist unzerstörbar. Es ist eine Liebe, die dich nie enttäuscht oder im Stich lässt.

Nein, Körper, Herz und Seele wollen mehr, viel mehr, und aufhören wäre feige.

Und so stehen diese Rockblues-Desperados jetzt auf dieser Grossbühne und zeigen ihren Fans auch in diesem Jahrtausend, warum die Rolling Stones die grösste Rock-’n’-Roll-Band aller Zeiten sind. Sie haben die Songs, die Attitüde, das Charisma und den Drive. Die Stones waren immer mehr als Musik. Sie verkörpern den Rock ’n’ Roll in seiner ganzen Vielfalt, und dies bedeutet in erster Linie Freiheit, die Feier des Augenblicks, Lausebengeltum, Individualität, Unverbogenheit, Abenteuerlust und Grenzen auszuloten. Gitarrist Keith Richards zelebriert das als lebensfroher, witziger Rockpirat und Bluesexperte, dem auch schon mal eine Kokosnuss auf den Kopf fällt. Sänger Mick Jagger als Rampensau, Mundharmonikavirtuose, Womanizer, Poet und cleverer Geschäftsmann. Gitarrist Ronnie Wood als ewig junger Struwwelpeter, Lebemann und Galgenvogel. Und der bestbezahlte Schlagzeuger der Welt, das Rückgrat der Band, Charly Watts, ist ein Oldtimersammler ohne Führerschein. Immer gut angezogen und obercool, ein englischer Gentleman mit grosser Freude am Jazz und an seinem Garten.

Dieses heilige Feuer, das es braucht, um eine Band am Leben zu erhalten, ist hier definitiv noch nicht erloschen.

So vielfältig und eigenartig wie diese Rabauken sind, tönt auch ihre Musik. Fassungslos stehe ich da und höre meine zum Leben erweckte Jukebox: «Sympathy for the Devil», «Jumping Jack Flash», «Honky Tonk Women», «Gimme Shelter», «Paint It Black», «You Can’t Always Get What You Want» und natürlich «Satisfaction» … All das tönt taufrisch und freudig, weil die Musiker nicht müssen, sondern wollen. Dieses heilige Feuer, das es braucht, um eine Band am Leben zu erhalten, ist hier definitiv noch nicht erloschen. It’s only Rock ’n’ Roll, but we love it!

Gerade in dieser hektischen, sich ständig wandelnden Zeit ist es tröstlich, dass es noch ein paar ewige, unzerstörbare Konstanten gibt. Dinge, die den Test der Zeit bestanden haben und gut gealtert sind. Ich kann allen Livemusik-Liebhabern nur empfehlen, die rollenden Steine am Mittwoch in Zürich zu besuchen. Man muss kein grosser Prophet sein, um vorauszusagen, dass das 14. Konzert in der Schweiz wohl auch das letzte dieser grossartigen Rasselbande sein wird. 

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