Unterwegs mit Susanne Hochuli Der Schuss von der Kanzel

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» schreibt sie über die Schwierigkeit, eine Predigt zu halten.
Unterwegs Hochueli Kirche
© ZVG

Zweifel: Was predigt man fremden Menschen, die den Weg in die oft leeren Kirchen finden?

Die Einladung, eine Predigt zu halten, erreichte mich überraschend vor einem Jahr. Ich studierte nicht lange und sagte zu. Die Zweifel kamen später. Was masse ich mir an, vor Menschen hinzustehen, die mehr Kirchen- und Gotteserfahrungen haben als ich? Was soll ich ihnen eindringlich ans Herz legen? Der Termin in der Kirche lag damals noch weit in der Zukunft, und ich verdrängte ihn. Anderes stand aktueller vor der Tür und wartete darauf, erledigt zu werden.

Irgendwann holte mich der Gottesdienst aber unverdrängbar wieder ein, und ich setzte mich mit dem Sinn der Predigt auseinander – und erschrak: Seit Martin Luther hat das «Wort» zentrale Bedeutung in der evangelischen Kirche. Für sie ist das «Predigen des Evangeliums der allergrösste, heiligste, nötigste, höchste Gottesdienst». Denn das Predigtamt sei das höchste Amt in der Kirche. Nun, sagte ich mir: Glaube Wikipedia nicht alles. Ich wandte mich an den Duden, dessen Glaubwürdigkeit uneingeschränkter ist: Predigt meint «über einen Bibeltext handelnde Worte, die der oder die Geistliche – meist von der Kanzel herab – im Gottesdienst an die Gläubigen richtet».

Weshalb sollen mir Menschen zuhören?

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: Ich bin weder eine Geistliche noch eine Gläubige; auch keine Ungläubige zwar, aber wie soll ich den allergrössten Dienst an Gott und seinem Wort erfüllen können? Weshalb sollen Menschen wegen mir und meinen zu Worten gewordenen Gedanken in eine Kirche kommen, wenn die Kirchen sich je länger, je mehr entleeren und die Mitgliederzahlen der Kirchgemeinden schrumpfen und schrumpfen?

Wortgewandt würde ich mich zwar nennen; als Politikerin habe ich es geliebt, mit Worten zu kämpfen, zu überzeugen und Reden zu schwingen. Aber wetten, die Leute haben mir immer nur die Hälfte geglaubt oder noch weniger? Und viele mögen sich gefragt haben: «Warum sagen Politikerinnen eigentlich nicht einfach, was sie meinen?» Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist: Das war tatsächlich nicht immer einfach; Konventionen und Abmachungen mussten eingehalten und möglichst niemand sollte vor den Kopf gestossen werden.

Ganz ohne Spezialeffekte

Aber all das spielt keine Rolle, wenn du in einer Kirche auf der Kanzel stehst. Dort darfst du sagen, was du glaubst, woran du zweifelst, was du dir erhoffst. Du brauchst keine Spezialeffekte wie der Pastor Werdmüller in Conrad Ferdinand Meyers Novelle «Der Schuss von der Kanzel»: Dort fummelt der schiessfreudige Pfarrer während der Predigt an einer Pistole herum, die er kurz vor dem Gottesdienst bekommen und unter seiner Kleidung versteckt hat. Zum Lied «Lobet Gott mit grossem Schalle» löst sich ein Schuss; aus dem Talar steigt Pulverrauch in die Kirche empor, und der Pastor verliert sein Amt als oberster Hirte der Gemeinde.

Nein, so weit ist es nicht gekommen, als ich letzten Sonntag in der Kirche in Wettingen AG meine Predigt halten durfte. Berührend war der Moment, als ich, anfänglich nervös, vor den vielen Menschen stand und darüber sprach, wie sehr ich mir wünsche, immer wieder frei wie ein Vogel unter Gottes Himmel fliegen und mich am Fliegen selber freuen zu können. Oder schlicht am Leben selber, das ich annehmen und mir nicht immer erkämpfen muss.

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