Notabene Chris von Rohr Der Steuerblues

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 61, über eine Begegnung mit einem Griechen auf Kreta.

Bei meinem letzten Kreta-Besuch sprach ich einen Griechen auf das Thema Steuern an. Er machte ein Gesicht, als würde ich mit voller Kraft auf seine Füsse stehen. Gleichzeitig zeigte er auf sein T-Shirt. Da stand: «Ich brauche keinen Sex, die Regierung f…t mich jeden Tag». Beim Barte des Zeus! Für ihn und viele seiner Landsleute sind Steuern ein erlaubter Fall von Raub, eine entschädigungslose Enteignung zugunsten der öffentlichen Hand. «Christos, was glaubst du, wo mein Steuergeld hingehen würde? In die Schulen? In die Strassen? In die Krankenvorsorge? Zu den Bedürftigen? Vergiss es, Christos, von dem Geld profitieren nur die korrupten Politiker und Staatsangestellten, die wenig bis nichts für dieses Land tun.» So denkt in Griechenland fast jeder, und man kann es ihnen nicht mal verübeln.

Es ist überall auf diesem Planeten schwer, jemanden zu finden, der gerne Steuern bezahlt. Schon Balzac sagte: «Der Fiskus hat kein Herz, er kümmert sich nicht um Gefühle, er packt mit seinen Krallen jederzeit zu», und Albert Einstein ergänzte: «Am schwersten auf der Welt zu verstehen ist die Einkommenssteuer.» Warum eigentlich? Ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir eh schon überall für alles zur Kasse gebeten werden, egal ob Auto, Zug, Hund, Abfall oder TV. Es gibt in diesem Land an die 50 verschiedene Steuern. In Italien und Frankreich sogar über 200! Der Hauptgrund des Steuerfrustes liegt jedoch woanders. Fast alle Menschen, mit denen ich spreche, haben das Gefühl oder wissen, dass das vom Bürger einbezahlte Geld vom Staat falsch eingesetzt, grosszügig verschwendet oder gar in den Sand gesetzt wird.

Die von Steuergeldern finanzierten Notwendigkeiten, Wohltaten und Investitionen sind viel zu wenig sichtbar oder ständige Grossbaustellen wie das Bildungswesen, die soziale Wohlfahrt und Sicherheit, die AHV und IV, der Verkehr, Umwelt und Energie, das Gesundheitswesen, die wuchernde, träge Verwaltung. Es fehlen Erfolgsmeldungen und neue, schlanke, schnell umsetzbare Visionen. Ich glaube leider, wenn wir alle wirklich wissen würden, wo die hart erarbeiteten Berge von Steuergeldern hinkommen und was damit geschieht, dass die Zahlungsbereitschaft restlos im Eimer wäre. Klar ist auch, dass die Tendenz des Staates, mehr Geld zu fordern, einhergeht mit der Tendenz, auch mehr zu verschwenden. Das war schon immer so: Mit fremdem Geld hantiert sichs eben lockerer - leider oft zu locker. Beispiele gibts zuhauf.

Die Schweizer sehen es als ihre Bürger- oder Unternehmenspflicht, Steuern vorbildlich zu bezahlen. Seit Anfang der 1990er-Jahre verschlechterte sich jedoch die Steuermoral stetig. Die Gründe liegen neben den Steueramnestien für die Falschen auch am unverständlichen rasanten Anstieg der Staatsausgaben und der Verschuldung. Dazu noch das fehlende Gespür gewisser Abzocker in der Wirtschaft, aber auch in der Politik. Wenn sich zum Beispiel die sonst schon überschuldeten Berner im Kantonsparlament mal kurz 47 Prozent mehr Lohn gönnen, zeigt das wenig Respekt. Anstatt sichtbar gutes, professionelles Stadt- oder Kantonsmanagement zu betreiben, sitzen heute immer mehr Moralapostel und Saubermänner noch in diversen Verwaltungsräten, nehmen endlos Mandate an und kriegen ihre Hälse nicht voll genug. Hauptsache, Macht- und Lohnerhalt. Doch was sendet das für Signale an den Normalbürger?

Als Krönung obendrauf noch das totale Bankengetto, wo Volksvertreter mit flatternden Hosen und Angstschweiss vor den USA nie gesehene Bocksprünge machen. Man muss sich das mal vor Augen führen! Nein, schlechter und unglaubwürdiger stand das Erfolgsmodell Schweiz noch nie da. Die gesunde Balance ging verloren. Die Gründe: Erfolgsmüdigkeit, Verhätschelung, Unwissen, Raffgier, Grössenwahn und Schlendrian auf vielen Gebieten. Was vergessen wird: Die anderen Länder sind hungriger und aggressiver, weil es den meisten miserabel bis sehr schlecht geht, während wir unser selbstgefälliges Mittagsschläfchen machen.

«Leider leistet mein Beitrag nur wenig zum Volkswohl»

Trotzdem lebe ich gerne hier, weil vieles noch funktioniert und mein Herz und meine Wurzeln in diesem Land sind. So bezahle auch ich weiterhin meine Steuern in der Schweiz. Ehrensache, und mein Beitrag an das Land, das mir, wenn auch mit etlichem Widerstand, die Gelegenheit gab, etwas aus meinem Leben zu machen. Leider leistet mein Beitrag nur wenig zum Volkswohl, doch mit dem müssen alle Steuerzahler der Welt leben.

Sollte es jedoch immer schlimmer werden mit dem politischen Management und der Lebensqualität hierzulande, kann ich mich immer noch als Euro-Gräber in Kreta versuchen. Mein freundlicher Grieche verriet mir nämlich noch, was seine Landsleute mit ihrem Schwarzgeld machen. «Wenn etwas übrig bleibt, verpacken wir es in Silberpapier und vergraben es tief in der Erde Kretas. Noch mehr als die Steuer fürchten wir die Mäuse.» Miau!

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