«Senkrecht» mit Natascha Knecht Eine Nacht im SAC-Massenlager

Natascha Knecht, 47, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über den Mikrokosmos SAC-Hütte.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Gott und einem Hüttenwart des Schweizer Alpen-Clubs (SAC)? Antwort: Gott weiss, dass er kein Hüttenwart ist... Solcherlei Witze erzählten wir uns Bergsteiger früher, damit wir wenigstens etwas zu lachen hatten. Denn in einer SAC-Hütte war nichts lustig.

Die Massenschläge waren kalt, spartanisch, unhygienisch. Die Plumpsklos stanken zum Himmel. Besonders leidensfähig mussten wir jedoch wegen der grantigen Hüttenwarte sein. Sie piesackten und kommandierten uns herum wie in einer Diktatur. Auf den Tisch kamen freudlose Mahlzeiten – und wehe, wenn sich nach dem Znacht niemand freiwillig meldete, um «Gott» beim Abwaschen zu helfen. Dann mussten wir am nächsten Tag auf der Bergtour merken, dass er unsere Thermosflaschen mit dem Abwaschwasser gefüllt hatte – statt mit Marschtee.

Ja. Noch vor zehn Jahren kam es keinem gesunden Menschenverstand in den Sinn, länger als zwingend nötig in einer SAC-Unterkunft zu verweilen. Inzwischen hat sich alles verändert. Der Verein baute fast alle seiner 152 Hütten neu oder um. Aus den Massenlagern wurden überschaubare Schlafräume. Und bei der heutigen Generation Hüttenwarte – darunter viele Frauen – fühlen wir uns willkommen. Zum Znacht zaubern sie liebevolle Dreigänger, und morgens um 3 Uhr stehen sie an der Theke, fragen freundlich: «Willst du Kaffee oder Tee?»

Ich wähle Kaffee, weil ich einen Muntermacher brauche. Denn ich schlafe in den modernen Lagern nicht besser als in den alten. Warum? Dank des neuen Komforts übernachten in den SAC-Hütten nun deutlich mehr Leute. Aber die wenigsten sind durch die einstige Benimmschule der strengen Hüttenwarte gegangen. Ohnehin gehören wir Alpinisten mitunter zur Minderheit. Den Hauptumsatz machen die Hütten heute mit Wanderern, Familien, Romantikern. Zur Unterhaltung gibt es Aquarellkurse, Kunstausstellungen, Bergtheater.

So kommen in den Schlaflagern Leute mit sehr unterschiedlichen Zielen zusammen. Und da viele oberhalb von 2000 Metern grundsätzlich schlecht schlafen, wird die ganze Nacht gerumpelt, geraschelt, gekichert. Jeder geht mindestens einmal aufs Klo – möglichst stolpernd, damit es sicher alle mitbekommen. Häufig entbrennt ein erbitterter Kampf um das Fenster. Einer öffnet es, eine schliesst es. Auf, zu. Auf, zu. Stundenlang. Schlafen unmöglich. Ich liege dann da und denke: Früher, als die Hüttenwarte noch Zucht und Ordnung durchsetzten, wäre ein solcher Krach undenkbar gewesen. Damals war sogar Schnarchen verboten.

Und ich? Bin ich besser? Leider nein. Auch ich bin weder Gott noch eine Heilige. Mein grosser Moment der Ruhestörung kommt mitten in der Nacht – wenn mein Wecker nicht nur mich, sondern alle aufschreckt. Oft muss ich nämlich als Erste raus, weil ich eine lange Bergtour vor mir habe und keinen gemütlichen Aquarellkurs. Doch nach dem ganzen Lärm bin ich jetzt extrem müde. Also bleibe ich liegen und drücke die Schlummertaste. Neun Minuten später klingelt der Wecker erneut. Wieder schrecken alle auf. Ein genervtes Raunen geht durch den Raum. Mir tut das jeweils leid. Aber so läuft das nun mal im SAC-Lager: Wer zuletzt kracht, kracht am besten.

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