«Senkrecht» mit Natascha Knecht Ernüchtert in den Bergen

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin erklärt, weshalb sie lieber Ferien in den Bergen als im Süden macht.

Was habe ich hämisch gelacht über all meine Freunde und Arbeitskollegen, die ihre Sommerferien im Süden verbrachten. Die freiwillig für viel Geld in Länder geflogen sind, wo die Hitze noch erbarmungsloser brütete als bei uns. Oder noch amüsanter: diejenigen, die mit dem Auto durch den Gotthardtunnel fuhren und wie ein niedergegartes Stück Fleisch rauskamen. Weil sie kilometerlang im Stau standen und bei Temperaturen ausharrten, die wir sonst nur aus dem Backofen kennen.

Normalerweise bin ich ja eine relativ nette Person. Hohn und Spott verachte ich zutiefst. Aber diesen Sommer war alles anders. Wenn ich durch die sozialen Medien scrollte, erfüllten mich die Hitzeklagen der Ferienleute im Süden mit ungeahnter Schadenfreude. Warum gehen die zu dieser Jahreszeit nach Griechenland, Spanien, Sizilien? Um zu jammern? Um nach drei Tagen krank zu sein wegen der Klimaanlagen im Hotel? Halsweh, Husten, erhöhte Körpertemperatur? Die Beine voller Moskitostiche? Sonnenbrand?

Warum gehen die zu dieser Jahreszeit nach Griechenland, Spanien, Sizilien?

Nein, ich empfand null Mitleid – ausser mit mir selber. Denn während die anderen am Strand lagen, sass ich im Büro. Jemand muss schliesslich zu Hause die Stellung halten, die Arbeit erledigen, den Nachbarn die Blumen giessen. Ja, in Wahrheit war ich einfach grenzenlos neidisch auf die anderen und konnte kaum warten, bis endlich der 1. August kam. Bis auch ich in die Ferien flüchten konnte. 

Der Neid

Aber sicher nicht in den Süden. Sondern in unsere schönen Alpen. In die Höhe. An die frische Luft. Wer braucht schon das plütterwarme Meer, solange es kühle Bergseen und Gletscher gibt?

Mit der Kletterausrüstung im Rucksack reiste ich ins Oberengadin (das auch als «Kühlschrank der Schweiz» bezeichnet wird, zumindest im Winter). Doch was geschah? Ich mutierte ebenfalls zu einem Jammerlappen. Wie ein Bumerang kam meine wochenlange Schadenfreude auf mich zurück. Ganz nach dem teuflischen Gesetz der Rache.

Bald musste ich aber zusehen, dass ich nicht erfriere.

Es begann schon am ersten Tag: Im Zug von Landquart nach Samedan funktionierte die Lüftung nicht. Es war heiss wie in den Tropen. Als wir mit Verspätung ankamen, fühlte ich mich wie ein ausgekochtes, aus der Suppe gezogenes Huhn. Und der Anschlusszug nach Pontresina war bereits abgefahren. 

Die Ernüchterung

40 Minuten wartete ich auf die nächste Verbindung – und just in dieser Zeit entlud sich über uns ein kräftiges Gewitter. Erst dachte ich: herrlich! Bald musste ich aber zusehen, dass ich nicht erfriere. Auf dem Bahnhof in Samedan! Mitten im Hitzesommer! Das Thermometer sank rasant auf 11 Grad ab. Vorher im Zug waren es noch 35 Grad. Es fühlte sich extrem an.

Und es blieb extrem. Die ganzen Ferien über. Noch nie habe ich beim Wandern und Klettern so geschwitzt. Wie ein Schweinebraten auf dem Grill. Abends vor der Berghütte schlotterte ich wie ein Schlosshund – trotz der Daunenjacke. Als ich am Ende wieder mit dem Zug nach Hause reiste, bemerkte ich erste Anzeichen von Halsweh. Sonnenbrand hatte ich auch. Schadenfreudig über andere lachen? Werde ich nie mehr.

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