Notabene von Chris von Rohr

Es lebe der Drahtesel!

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Erfindung vom Fahrrad und dessen Anreiz.

«Bicycle, bicycle, bicycle, I want to ride my bicycle», röhrte die einzigartige Rockband Queen. Starker Song!

In meiner Jugend strebte ich allerdings überhaupt nicht danach, auf dem Velo zu schnauben. Ich wollte ein flottes Ciao-Töffli haben. Der Notplan war ein Velosolex. Fahrräder fand ich unsexy – Grossvaterzeug mit viel zu harten Sätteln für meine weichen Teile. Nun, die Zeiten änderten sich, die Velos und meine Ansichten ebenfalls. Heute sehe ich fasziniert den hübschen Frauen zu, die auf ihren Lightbikes geschmeidig um die Häuser kurven. Sie sind die perfekte Werbung für dieses ideale Fahrgerät.

Seit 200 Jahren ist das Velo on the road. Am 12. Juni 1817 hat ein Mann namens Karl Drais in Mannheim auf seinem Laufrad eine Strecke von 14 Kilometern zurückgelegt. Damit weckte er das Interesse seiner Mitmenschen, der Siegeszug des Velos rund um den Planeten begann. Seither wurde das Gerät kontinuierlich weiterentwickelt. Die Grundidee der muskelbetriebenen Fortbewegung auf zwei Rädern blieb. Der Kettenantrieb wurde erfunden und die Luftreifen. Bald begann man sich zu spezialisieren: Mit den Renn-, Berg-, Stadt- und Strandvelos für die ganze Familie war für jeden etwas dabei.

Zigarettenqualm, Redbullshit und dadaistische Telefongespräche

Es mag sein, dass irgendwann eine Übersättigung und Wachstumsstörung die Velobranche hungern liess. Aber dann folgte die E-Revolution und mit ihr das aufladbare Strombike. Für manchen Bewegungsmuffel wird es den entscheidenden Füdlitritt vom Sofa hinunter hin zum Drahtesel bedeutet haben – für andere stirbt damit des Velos Aura von Freiheit, Selbstständigkeit und ernst gemeintem Umweltschutz. Batterien sind Gift und von der Entstehung bis zum Begräbnis ein Frevel. Da gibt es keine Ausreden. Trotzdem sind die Verfechter des archaischen Tretens eher eine Randgruppe geworden.

Die E-Bikes starteten von Anfang an durch. Die schier explodierende Verkehrsdichte mit ihren zeitraubenden Staus, die lärmenden und stinkenden Blechlawinen und die horrenden Parkgebühren halfen ihnen dabei. Und den Vergleich mit einem Aufenthalt auf dem Bahnhofperron zwischen Zigarettenqualm, Redbullshit und dadaistischen Telefongesprächen braucht eine erfrischende Veloreise schon gar nicht zu scheuen.

Aber der Mensch ist ein überbordendes Wesen: Alles Gute muss er übertreiben, bis die Suppe überkocht. Darum staune ich auch keinen Bauklotz über all die Dopingsauereien im Radsport. Diese Schinderei hält doch kein biologisch normal funktionierender Mensch aus. Vielleicht liegt es an meinen englischen Wurzeln – ich war immer schon eher der Cruiser und Schlenderer, der hat nämlich oft mehr vom Leben. Und wenn ich auf unseren Wegen, Strassen und in den Wäldern diese hyperaktiven, sich in Papageikostümen kasteienden Figuren sehe, frage ich mich, was sich das Menschentier alles antun muss, um Ansehen oder Befriedigung zu erlangen.

Selbstverständlich habe ich nichts gegen einen sportiven Geist einzuwenden. Mens sana in corpore sano, aber braucht es dieses divenhafte Brimborium dafür? Ginge es nicht etwas natürlicher? In Afrika laufen die Frauen stundenlang durch die sengende Hitze ohne Funktionskleidung und Leistungsrechner. Auch die Aborigines wirken unglaublich fit. Aber unsere Zivilisation will sich dokumentieren und verewigen. Schritte, Kilometer, Steigung, Energieverbrauch, Fettverbrennung und Herzfrequenz.

Ich fühle mich mich born to be wild

Bloss die Denkleistung lässt sich immer noch nicht gescheit kontrollieren und coachen. Der Geist ist eine widerspenstige Pflanze. Er lässt sich noch nicht «verAppeln». Manchmal frage ich mich, was mit dieser sinnlosen Datenflut geschehen soll. Wird sie der Erdbevölkerung dereinst um die Ohren gehauen, den Äther verstopfen und den Sauerstoff verdrängen? Wird die Luft so dick, dass die Kühe ihre Kohlendioxidwinde gar nicht mehr hinten rauskriegen?

Item. Seit Ende der 90er-Jahre sitze auch ich am Lenker eines Stromvelos. Es handelt sich dabei um einen zusammenfaltbaren Prototypen des Flyers. Ein hässliches Entlein und dennoch ein zuverlässiger Bruder, dessen Batterie tatsächlich bis heute tadellos funktioniert. Immerhin. Es gibt dem streunenden Rocker den nötigen Schub, wenn er eine schlappe Stunde hat. Geräuschlos schwebe ich so dem Jura entlang, fühle mich born to be wild und denke: Welch geniale Erfindung dieses Zweirad doch ist! «There are nine million bicycles in Beijing, that’s a fact …» Es wäre an der Zeit, dem göttlichen fahrenden Untersatz wieder mal einen Song zu widmen – lass dir etwas einfallen, Chrisibär!

Chris von Rohr am 20. November 2017, 13.54 Uhr