Notabene von Chris von Rohr Ewiger Sommer

Mein Sommer begann in Locarno. Wir hatten ein wunderschönes Konzert auf der Piazza Grande. Ich blieb danach für ein paar Tage, um Freunde zu besuchen und weitere Bands zu geniessen. Es war schlicht perfekt. Zum Soundtrack der Toten Hosen oder von Santana bei 27 Grad des Nachts 10 000 Menschen tanzen zu sehen und mit den Liebsten ein paar Drinks zu schlürfen, so etwas vollbringt nur der Sommer. Da vergisst man auch locker den architektonischen Betonhorror, der einem allenthalben in diesem speziellen Kanton begegnet. Das Licht, die Gerüche, die Seen, schlicht die Landschaft und die einmalige Tessiner Natur wird sich nicht totbauen lassen. Sie wird uns alle überleben, wenn der Bauspuk der Geldgierigen und Geschmacksrenitenten vorüber ist.

Aber auch in der deutschen Schweiz legt der so oft vermisste Sommer mächtig zu. So gut habe ich ihn lange nicht gespürt, den Körperteil mit den zwei Backen. Jetzt weiss ich es wieder: Man hat da auch Knochen drunter, und im Anschluss an eine längere Velofahrt senden sie eine Depeche an die Schmerzabteilung. Das hatte ich vergessen, als ich endlich wieder das Rad zum Keller hinausholte und mich auf den Weg machte. Raus aus den Wohnvierteln, dem Wasserweg entlang. Aus dem Gebüsch roch es immer noch verstohlen nach Bärlauch, und ein paar Heugabellängen später inhalierte ich den unverdünnten Sommer. Frisch Gemähtes. Meine Nase jubilierte! Kurz erlag ich der Illusion von einer aromatischen Übernachtung auf genau diesem Feld. Die Erkundungsreisen von Ameisen, Heuschrecken und Mücken auf meinem Körper stellte ich mir erst ein paar Atemzüge später vor.

Zusammengefasst kann ich von einem wunderschönen Tag berichten. Es war weit mehr als eine kurze pedaltechnische Ertüchtigung. Eher ein Geschenk für sämtliche Sinne. Ich mag für manchen Jungspund ein drolliger, antiker Rockdög sein, wenn ich über meine kleinen Freuden beim Beobachten von haushaltenden Feldmäusen in grünen Matten schwärme, aber das ist der Lauf des Lebens. Mit zunehmender Faltentiefe steigt die Bewunderung für alles Lebendige, das sich ohne menschliches Zutun Jahr für Jahr aus dem Nichts herausschraubt. Schliesslich zeigt die Erfahrung, dass unser Dasein einer Reise durch einen Porzellanladen ähnelt. Vieles geht zu Boden und zerschellt. Glück hat, wer da und dort nur vorbeischrammt, seine Wunden leckt, wieder aufsteht und kluge Schlüsse daraus zu ziehen weiss. Aber das wilde Grünzeug, das grinst uns alljährlich unversehrt entgegen. Von der Brennnessel, die parat sein muss, wenn die Schmetterlingsraupen des kleinen Fuchses ihrer Fressverpflichtung nachkommen, bis zum Springkraut, das auf vorbeistreichende Kreaturen und damit auf die Gelegenheit wartet, seine Samenkapseln platzen zu lassen und sein Vermögen zu verschleudern.

Überhaupt scheint der Sommer alles aus uns herauszuholen. Wir spüren unsere Körper besser, kriechen unter den Steinen hervor, es werden Feuer entfacht, Gitarren geschrummt, Schuhe zur Seite geschmissen, open air gegessen, und wir wagen uns wieder in wilde Wasser. Der Fernseher, der für manch einen zur Mutterbrust geworden ist, kriegt seine wahre Rolle als Notlösung zu spüren.

Sommer, ich bin froh, dass du dich doch noch zum Bleiben entschliessen konntest

Sommer, ich bin froh, dass du dich doch noch zum Bleiben entschliessen konntest. Wie oft haben wir hoffnungsfroh die Wetter-App angeklickt und wurden sogleich bitter enttäuscht! Wir zogen den Faserpelz wieder über und bestellten noch einen Ster Brennholz. Dabei schaute ich kopfschüttelnd im Kalender nach, ob ich irgendetwas nicht gecheckt habe. Jetzt endlich können wir dich in aller Form spüren. Die Kinder haben Dreck zwischen den Zehen, und in den gebräunten Gesichtern leuchten ihre Augen wie Bergseelein; viel grüner und blauer als sonst. Es dünkt mich sogar, die Menschen benähmen sich in kurzen Hosen und Flipflops versöhnlicher als mit hochgeschlagenen Mantelkrägen. Und spätestens wenn wir in die Badehose schlüpfen, sind alle etwas gleicher. Die Attribute zur Zuordnung von Rang und Status fallen weg. Ob Köpfchen oder Dubeligring - nach dem Baden sind beide pflotschnass. Erfrischend! Und es beruhigt, beim Zeitungsstudium zu sehen, dass auch die Haut der Stars und Möchtegernsternchen den Gesetzen der Natur unterliegen.

Um dem Ganzen die würdige Krone aufzusetzen, durfte ich dann noch Prince mit einem unfassbaren Konzert in Montreux erleben. Spät nachts mit «Purple Rain» im Ohr pilgerten wir durch die Strassen dieses magischen Ortes, und plötzlich kam wieder dieses Allerweltsgefühl ewiger Jugend. Die Welt lag uns zu Füssen, und ganz sicher gab es da oben jemanden, der ein ganz besonderes Schicksal für uns bereithielt. Natürlich barg der Song auch das Wissen um den Kater danach, die Vergänglichkeit. Aber wenn man laut genug dagegen ansingt, funktioniert der Trick bis heute - wenigstens für eine Sommernacht.

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