Notabene Chris von Rohr verteidigt Xavier Naidoo

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über Fake News und fordert auf, alles zu hinterfragen.

Die Wahrheit tut weh», lautet ein altes Bonmot. Fake News ebenfalls. Sie existierten schon vor Trump und sind leider mittlerweile gang und gäbe in der Medienlandschaft. Das Vertrauen schwand innert Generationenfrist.

Es gibt viele Arten von Fake News. So kann zum Beispiel eine Story, die innert Stunden durchs Land fegt, völlig frei erfunden sein, um Leser zu ködern. Dann gibts Geschichten, die zwar einen wahren Kern haben, aber sehr einseitig und verkürzt wiedergegeben werden. Der Journalist hat es in der Hand, den Erzieher und Oberbelehrer herauszuhängen, statt zu hinterfragen und die Zusammenhänge zu ergründen. Oder er pflückt bewusst selektiv eine Aussage eines Protagonisten aus ihrem Kontext heraus und lässt den erklärenden Teil der Bekundung weg. So macht man selbstherrlich etwas anderes daraus und sorgt für Durchlauferhitzer-Stimmung. Ganze TV-Kanäle, Zeitungen und das Web leben davon. Das Fatale: Jeder sieht nur noch das, was er sehen will, was seinen Erwartungen entspricht. Ein Leben in der Filterblase.

Singfreiheit für Xavier Naidoo

Ein Beispiel dazu war letzthin das Gezeter um den deutschafrikanischen Sänger Xavier Naidoo. Dieser sang in seinem Song «Marionetten» über Manipulation und Volksvertreter, die zu Volksverrätern mutieren. Gerade in Deutschland reagieren die meisten Politiker und Medien geschichtlich bedingt sehr empfindlich auf solche Anspielungen. Obschon dies zur Reflexion des Polit- und Wirtschaftsbetriebes gehören müsste und ein Künstler sich die Freiheit nehmen darf, darüber zu singen, wenn es ihn beschäftigt. Seine Inhalte mögen zugespitzt, verallgemeinert und missverständlich daherkommen, müssten aber in einem Land mit Redefreiheit drinliegen. Toleranz für Andersdenkende sollte nicht einseitig gepredigt, sondern gelebt werden.

Etwas milder wurde über Grossveranstalter Marek Lieberbergs «Wutrede» berichtet. Er machte nach einem durch Terrorwarnung abgebrochenen Konzert folgende emotionelle Ansage: «Jetzt muss Schluss sein mit ‹Das ist nicht mein Islam, das ist nicht mein Shit, das ist nicht mein Wasimmer›. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Strasse gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich!?»

Es drohen unverhältnismässige Gegenbewegungen

Wer sich kritisch zum radikalen Islam, zur linksliberalen Laisser-faire-Kultur, zur Hyper-Globalisierung oder zur zunehmenden Staatsdominanz äussert, ist verdächtig und muss mit schwerem Geschütz rechnen. Transparenz und sachliches Argumentieren gehen verloren. Was folgt, ist ein gehässiger Abwehrmechanismus. Natürlich verteidigt jeder seine Pfründe, und manch einer ist selbst verbandelt oder Nutzniesser eines Systems mit starren Ideologien. Es geht meist um persönliche Interessen und Vorteile.

Stellt der Finanzierer, sprich Steuerzahler, seine Vertreter und ihr Tun oder Nichttun infrage, wird das kaum als Kritik von einem mündigen Menschen gehört, sondern gerne als Diffamierung, Verhöhnung und Hetze dargestellt. Umgekehrt erlaubt es sich die deutsche Intelligenzia, Naidoo als Rechtspopulisten oder Hurensohn zu betiteln. Aber dies ist dann scheinbar berechtigte Kritik oder Satire. Da wird mit sehr unterschiedlichen Ellen gemessen. Wenn aber Political Correctness die Wahrheit bewusst und unaufrichtig verschleiert, kommt das selten gut. Die Bevölkerung wird es irgendwann nicht mehr ertragen und mit unverhältnismässigen Gegenbewegungen antworten.

Hinterfragen Sie!

Mir waren Menschen und Religionen, die behaupten, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, schon immer suspekt. Sie vereinen nicht, sie trennen und machen die Menschen verdrossen, abhängig, kriegerisch und unglücklich. Viel besser gefällt mir die Meisterschaft, in der sich die alten griechischen Philosophen übten. Da ging es darum, eine These, eine Meinung immer mit einer Gegenthese kontrovers infrage zu stellen. Es gibt deine Sicht, es gibt meine Sicht, und darin wühlen wir gemeinsam nach der Wahrheit. Wenn wir tief genug bohren, kommen wir ihr näher – und fällen dann einigermassen vernünftige Entscheide.

Ich lege Ihnen, liebe Leser/innen, ans Herz, alles zu hinterfragen, was Sie lesen und hören und sehen – auch dies hier –, es könnte sein, dass ich falsch liege – Irren ist menschlich – Menschen sind irre. Die Wahrheit tut möglicherweise weh, dennoch befreit sie. Es geht darum, offen und ehrlich miteinander zu sein, zu wissen, für welche Grundwerte wir stehen, und diese auch angstfrei zu vertreten. Das fördert Frieden und Zusammenhalt.

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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