«Senkrecht» mit Natascha Knecht Vierzig Tage ohne Schokolade

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin schreibt über ihren Selbstversuch, von Aschermittwoch bis Ostern auf Süsses und übermässigen Kaffeekonsum zu verzichten. 

Das Leben ist wie ein Osternest: Es steckt voller Überraschungen. Als Kind glaubte ich zum Beispiel, beim «Fastenopfer» handle es sich um einen ausgemergelten, geschwächten Menschen, der sich von Gemüsesaft und Kräutertee ernährt. Inzwischen weiss ich: Das Fastenopfer ist ein katholisches Hilfswerk. Und es gibt Leute, die jetzt während der Fastenzeit tatsächlich fasten!

Dies brachte mich auf die Idee, auch mal zu fasten. Vierzig Tage lang. Und vierzig Nächte. Von Aschermittwoch bis Ostern. Warum auch nicht? Meine Religion ist zwar die Bergsteigerei, meine Kathedrale sind die Hochalpen. Doch nirgendwo steht geschrieben, dass nur mitmachen darf, wer kirchenfromm lebt.

Meistens wird fasten mit «hungern» in Verbindung gebracht. Manchmal auch mit «Germany’s next Topmodel». Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Genau genommen steht die Fastenzeit für «Verzicht» und «Enthaltsamkeit» - nicht nur in Bezug auf das Essen. Es geht darum, generell seine Gewohnheiten zu hinterfragen und allenfalls zu ändern: Wer stets griesgrämig durchs Leben stapft, verzichte jetzt darauf. Wer zu viel Freizeit im Internet vertrödelt, mache den Feldversuch, ob er sieben Wochen Facebook-Fasten durchhält. Poltert einer ständig gegen Ausländer, möge er mal vierzig Tage die Klappe halten.

Ich beschloss, auf meine Gesundheit zu zielen, die Leber zu entlasten und den Energiestoffwechsel zu optimieren. Darum verzichte ich bis Ostern auf Zucker, Fertig-Food und Alkohol. Und ich gönne mir nur noch eine Tasse Kaffee pro Tag statt vier.

Das schaffe ich locker. Dachte ich. Nach drei Tagen fühlte ich mich wie der junge Frühling. Alle werden sagen: Läck, siehst du gut aus. Leider kam es anders. Nach einer Woche musste ich zugeben, dass mein kleines Enthaltungsprogramm ähnlich viel Wille und Biss verlangt wie eine grosse, steile Nordwand. Als ich kurz nach Fastenstart im Safiental mit Steigeisen und Pickeln durch einen 120 Meter hohen Eisfall kletterte, bewegte ich mich schwerfällig wie ein Mehlsack. Meinem Körper fehlten die Schoggi, Panetone, Vanille-Plunder, Griesköpfli, die ich in vergangenen Jahren en masse reingestopft hatte. Und der Kaffee, dieses Gift.

Ich war auf Entzug. Kopfschmerzen, dauermüde, leicht reizbar. Im Migros zankte ich sogar mit einem Rentner. Wir standen in der Brotabteilung, er nahm ein Weggli aus der Box. Ein zweites purzelte heraus und rollte über den Boden. Er hob es auf und legte es zurück in die Box. Ich sagte, das sei aber nicht die feine Art. «Dann nehmen Sie es doch, und machen Sie damit, was Sie wollen», schnauzte er mich an und liess mich stehen. Wahrscheinlich fastet er auch und war deshalb so schlecht gelaunt.

Inzwischen habe ich die Hälfte der siebenwöchigen Leidenszeit überlebt. Mein Metabolismus hat sich an die Ernährungsumstellung angepasst. Ich bin energetischer als je zuvor. Alles wäre top, gäbe es nicht ein neues Problem: die Lust auf Süsses. Sie macht mich wahnsinnig. Noch nie habe ich mich so sehr aufs Osternest gefreut. Das Geld, das ich bis dahin spare, werde ich spenden. Dem Fastenopfer.

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