Notabene Chris von Rohr «Gar nicht rassig»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 63, über den Flüchtlingsstrom und Rassismus.

Ich bin froh und dankbar, dass ich hier geboren wurde, und es ist bewundernswert, wie unsere Ahnen mit Fleiss, Innovation und Beharrlichkeit dieses Land zum Wohlstand geführt haben. Respekt! Aber stolz, ein Schweizer zu sein, bin ich nicht. Ich war nie Nationalist und hasse Grenzen und Grenzkontrollen. Doch ich sehe deren Sinn, solange sich der Mensch nach wie vor wie ein Höhlenbewohner benimmt.

Dass ich hier im Bauch einer Europäerin meine Zweiglein ausgetrieben habe, das hatte ich nicht selbst veranlasst. Das war bloss saumässiges Glück. Genauso gut hätte ich in einer Jurte auf harten Lehmboden flutschen können – als Giraffenkind wäre ich gar aus zwei Metern Höhe auf den Kopf gefallen. Aber ich erlebte eine sanfte Landung auf saubere und weiche Laken und bekam bald schon in einer gepflegten, mitteleuropäischen Stube auf dem Sofa schweizerdeutsche Geschichten erzählt. Ich kann nichts dafür, dass es so gelaufen ist.

Liebe Leserinnen und Leser, auch ich frage mich, wie der Strom von Flüchtlingen in Zukunft human und sinnvoll geregelt werden kann. Auch ich will keine religiösen Fundamentalisten und kriegsgewohnten Grobiane um mich herum wissen, die sich gar nicht integrieren wollen, nur das Recht des Stärkeren kennengelernt haben und Frauen wie Dreck behandeln. Ich befinde mich im Zwiespalt zwischen Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und der Verteidigung einer funktionierenden, gesunden, sinnvollen Einwanderungspolitik. Sogar die Herzdame Merkel sagt, dass Europa nicht jedem menschlichen Individuum, das nach Asyloptimierung und einem besseren Leben strebt, gerecht werden kann.

Man verliert seine Wurzeln und ein Nest, sehnt sich nach Geborgenheit und Vetrautem

Von seiner Heimat vertrieben zu werden, ist etwas vom Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann. Man verliert seine Wurzeln und sein Nest, sehnt sich nach Geborgenheit und Vertrautem. Seine Eigenart kann man nicht einfach abstreifen, und alles ist okay. Je fremder die Gastkultur, desto schwieriger die Integration. Viele zerbrechen daran und geraten auf die schiefe Bahn. Ich rede viel mit Mitbürgern über diese menschlichen Dramen und Herausforderungen, die so viele Facetten haben. Ich höre da und dort hitzige Debatten und oft den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit. Man schafft es kaum, bis zehn zu zählen, werden die drei reizenden Buchstaben ausgesprochen: SVP. Das Brenneisen liegt parat, und jeder, der Zweifel darüber hegt, ob wir all den unglücklichen Menschen auf diese Art (hier) auf jene (vor Ort) oder überhaupt helfen sollen, kriegt es zu spüren. Da jedoch nur wenige den Stempel Rassist rassig finden, halten viele artig die Klappe und warten zur Meinungsäusserung die Urne ab. Rassismus ist das ultimative und destruktive Fertigmacher-Argument – ein Mundtöter.

Sorgen mache ich mir auch um Deutschland. Die hässlichen, abartigen Angriffe auf Asylantenheime gehen gar nicht. Was aber auch nicht geht, ist, dass normale, hart arbeitende Menschen, ganze Familien, die ernst zu nehmende Nöte, Ängste oder Einwände zur Überfremdung und Asylflut haben, als Rechtspopulisten und Fremdenhasser hingestellt werden. Da müssen die Politiker und Medien schon etwas genauer hinschauen und den Puls ihrer Bürger besser fühlen. Die Schuld und Last des Zweiten Weltkriegs treiben da seltsame Moralblüten, und manches Sommermärchen kann als Gruselfilm enden. Fakt ist: Die fleissigen Deutschen helfen, wo sie können, und schultern schon jetzt sehr viel in dieser wackligen, unabgestimmten, schlecht geführten europäischen Länderunion. Das wird Konsequenzen haben, schlechte, auch für uns!

Es wird langsam Zeit, dass sich die Führer und Lenker der westlichen Welt gewahr werden, was sie mit falschen Kriegsinterventionen, einer rücksichtslosen Wachstumswirtschaft und miserablem Krisenmanagement vor allem den Kindern und Alten antun. Das ist eine unentschuldbare Schande. Eine politische Patentlösung wird es nicht geben, aber zu wünschen ist, dass wir der Flüchtlings- und Asylproblematik aufrichtig, realistisch und offenherzig begegnen können.

Es reicht nicht, sich über das haarsträubende Bild des toten, angeschwemmten Jungen auf dem Titelblatt zu empören, nein, wir müssen auch verinnerlichen, dass seit Jahren, jeden Tag, weltweit 50'000 (!) Kinder an den Folge von Hunger sterben. Jeden Tag! Wer nichts Handfestes dagegen unternimmt, sollte besser schweigen. Und es würde mich freuen, wenn all jene, die besonders laut nach einer humaneren Welt schreien, mit gutem Beispiel vorangehen und endlich im Alltag etwas Konkretes tun.

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