«Senkrecht» mit Natascha Knecht Gestohlen wird immer

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin erklärt, wie sie auf unliebsame Weise erfuhr, dass gebrauchte Kletterausrüstung ein begehrtes Diebesgut ist.

Glauben Sie mir, ich habe wirklich blöd aus der Wäsche geschaut, als der Intercity im Bahnhof Visp VS einrollte. Anfangs schien alles wie gewohnt: Die Lonza gab es noch, die steilen Berghänge rundum waren auch noch da. Und durch das Zugfenster sah ich zwei Perrons weiter drüben die Matterhorn Gotthard Bahn warten, die mich nach Zermatt bringen sollte.

Ich wollte in die Walliser Viertausender und machte mich voller Vorfreude bereit zum Umsteigen. Viel hatte ich als Alpinistin nicht dabei. Nur den schweren Bergsteigerrucksack, den ich in die Gepäcknische beim Waggon-Eingang gestellt hatte. Doch dann erlebte ich Unglaubliches: Der Rucksack war verschwunden. Wie von Geisterhand.

Zuerst dachte ich nichts Böses. Vermutete, dass ihn jemand im Getümmel der vielen Koffer und Menschen umplatziert hatte. Suchte überall. Oben, unten, zwischen und unter den Sitzen, ebenso im benachbarten Waggon. Aber der Rucksack war weg.

Was will einer mit einem alten Rucksack voller gebrauchter Kletterausrüstung anfangen?

Gestohlen? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Was will einer mit einem alten Rucksack voller gebrauchter Kletterausrüstung anfangen? Eher glaubte ich, dass ihn ein anderer Bergsteiger in der Hektik des Umsteigens verwechselt und versehentlich mitgenommen hatte.

Was danach folgte, kann ich kurz zusammenfassen: Während ich suchte, fuhr der Zug weiter nach Brig. Endbahnhof. Die Reinigungsbrigade putzte alle Wagen durch. Ich wartete. Sie fand keinen Bergsteigerrucksack. Bei keinem SBB-Fundservice der Schweiz wurde einer abgegeben.

Am Ende stand ich ratlos vor dem Bahnhof Brig. Besass lediglich, was ich auf mir trug: Flipflops, Bergsteigerhose und ein Kurzarmshirt. Die Bergtour musste ich vergessen. Mir blieb nichts anderes übrig, als wieder nach Hause in die «Üsserschwiiz» zu reisen. Mein Rucksack und der Inhalt kamen nie mehr zum Vorschein.

Die Polizei sagte, ich sei nicht das erste Opfer. Auch nicht das letzte

Bei der Polizei reagierten die Beamten nett und routiniert. Sie sagten, ich könne mir nicht ausdenken, wie häufig gestohlen werde. Ich sei nicht das erste Opfer. Auch nicht das letzte.

Trotzdem bleibt mir dieser Diebstahl ein Rätsel. Wenn ein Langfinger ein Portemonnaie klaut, geht er wohl davon aus, dass Bargeld drinsteckt. Damit kann er sich etwas Schönes kaufen, okay.

Haftet an Diebesgut nicht ein schlechtes Karma?

Aber weshalb lässt jemand Steigeisen, Eispickel und Seile mitlaufen? Was macht er damit? Nehmen wir an, er will die Sachen verhökern: Wer kauft das? Haftet an Diebesgut nicht ein schlechtes Karma? Würden Sie im Hochgebirge Ihr Leben Hehlerware anvertrauen? Ich nicht!

Immerhin weiss ich seither: Es gibt nicht nur die «dümmsten und dreistesten Diebe der Welt». Es gibt auch die kuriosesten. Neulich las ich in der Zeitung von einem Bauern in Interlaken BE. Ihm wurde ein Heuballen gestohlen. Direkt vom Feld. In der Nacht. Schon zum zweiten Mal.

Aufgrund des grossen Volumens und Gewichts eines solchen Heuballens muss man davon ausgehen, dass es sich um geplanten Diebstahl handelt. Auch hier frage ich mich: Was macht der Räuber mit dieser Beute? Schlafen im Heu? Heusuppe kochen? Meinen Rucksack damit ausstopfen?

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