Notabene von Chris von Rohr «Globale Ungerechtigkeit»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr denkt in seiner neuesten Kolumne über die Ungerechtigkeit auf der Welt nach.

Der Tischbombenmonat ist voll im Gang und damit für mich die Zeit der Grübeleien. Eigentlich fühle ich mich als Positivist und Glücksschweinchen, denn ich habe fantastische Freunde, eine ebensolche Band und eine wunderbare Tochter. Ausserdem bewohne ich ein wuschelig-warmes Haus und habe noch Träume im Herzen. Trotzdem beschäftigt mich regelmässig die Frage, warum diese Welt so ungerecht ist.

Wie kann es sein, dass heute noch täglich 50 000 Kinder an Unterernährung zugrunde gehen? 200 Millionen genitalverstümmelte Mädchen und Frauen leiden auf unserer Erde, und jeden Tag kommen 8000 neue dazu. Sechzig Millionen Menschen sind auf der Flucht und fünfzig Millionen versklavt. Nordkorea, Usbekistan, Kambodscha, China, Indien und Katar sind aktuell führend in Sachen Sklaverei. In Mexiko-Stadt vermehren sich die Autos doppelt so schnell wie ihre Benutzer, und 20 000 Personen sterben pro Jahr an den Auswirkungen miserabler Luft.

Insgesamt 1,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu elektrischem Strom

Mir fehlt das Verständnis dafür, dass in Deutschland ältere Menschen, die ein Leben lang hart arbeiteten, unter der Armutsgrenze leben. In anderen Ländern wiederum werden Kämpfe ums zunehmend knapper werdende Wasser ausgetragen. Insgesamt 1,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu elektrischem Strom. Weltweit verrichten Frauen sechzig Prozent aller Arbeit, erhalten jedoch nur einen Zehntel des globalen Einkommens. In den USA sterben durchschnittlich sieben Minderjährige pro Tag durch Waffengewalt. Zwei davon erschiessen sich selbst.

Auch hierzulande gibt es schockierende News. Sieben Menschen starben in meiner Nachbarschaft im Rauchfeuer. Zwei kleine Kinder sind plötzlich Vollwaisen. Unfassbar! Es werden hervorragend integrierte Ausländer ausgeschafft und Kriminelle behalten und durchgefüttert. Fast jede dritte Kindsmisshandlung (pro Jahr sind davon 1500 erfasst) wird von Teenagern oder Verwandten begangen. 

Man ersäuft lästig gewordene Tiere, schmeisst sie herum oder lässt sie schlicht verhungern

Bedauerlicherweise ist auch die Tierquälerei nicht zum Verschwinden zu bringen. Man ersäuft lästig gewordene Tiere, schmeisst sie herum oder lässt sie schlicht verhungern. An Universitäten werden grausame Versuche mit Menschenaffen vollzogen, wo ihnen unsägliches Leid zugefügt wird – bloss, um etwa herauszufinden, wie Kokain auf das Hirn wirkt. Dies, obwohl man weiss, dass solche Versuchsmethoden überflüssig und veraltet sind und durch tierfreie Forschung ersetzt werden können. Niemand stoppt diese vom Staat unterstützten Folterknechte. Und obendrauf wächst auch die Korruption, Bereicherung und Verschleuderung von öffentlichen Geldern. 

Ich könnte dieses Heft mit Hässlichkeiten füllen, und jeder mit einem Rest Mitgefühl in sich wäre erschüttert. Aber was können wir tun? All diese Missstände schreien nach Hilfe. Und in gewissen Momenten würde ich am liebsten mit ein paar Gleichgesinnten aufbrechen und mit Koffern voller Hilfsmittel zu Bedürftigen reisen, um dem einen oder anderen Übel ein Ende zu bereiten. Aber gleichzeitig halten mich die eigenen Angelegenheiten davon ab. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Umso grösser ist meine Achtung vor denen, die sich nicht aufhalten lassen.

Es wird viel geredet, geklagt und zu wenig getan. Das World Economic Forum, das die Welt mittels organisierter Small-Talk-Shows verbessern will, hat bisher ausser einer dreisten Ladung Kerosin kaum etwas gebracht. Das Schlechte ist ein therapieresistentes Virus. Und manchmal ist es schwierig zu erkennen. Es tarnt sich als gewinnbringendes Wirtschaftswunder oder als leutseliges, unbeschwertes Wesen, welches das Leben in vollen Zügen auskostet. 

Dem charakterlichen Horizont wäre es dienlicher, wenn man schon in der Jugend Einblick in gewisse Nöte erhielte und auch mal dreckige Arbeiten erledigen müsste

Wir leben in der wohlhabenden, satten Schweiz. Diese Sicherheit bekommt nicht allen gut. Dem charakterlichen Horizont wäre es dienlicher, wenn man schon in der Jugend Einblick in gewisse Nöte erhielte und auch mal dreckige Arbeiten erledigen müsste. Manch ein seelen- und rücksichtsloser Karrierist, dem in der Wirtschaft oder Politik ein Vermögen und das Schicksal zahlreicher Menschen in die Hände gelegt wird, ist bedauerlicherweise um solche Erfahrungen herumgekommen. Dies halte ich für gefährlich. Denn wenn in grossen Geschäften nach denselben Prinzipien gehandelt würde wie daheim im kleinen Haushalt, dann wären die Verluste überschaubar. 

Ja, GROSS denken, aber nicht das KLEINE übersehen! Jeder von uns kann die Welt nur minim besser machen, aber dieses Wenige kann für Einzelne alles bedeuten.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Herzensgüte und Nehmerqualitäten für alles, was 2019 und danach auf Sie zukommt. Es könnte eine Revolution sein! 

Buchtipps von Chris von Rohr

Auf Wiederlesen! Die zwei Bestseller des SI-Kolumnisten bereiten auch als Geschenk viel Freude.

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