Notabene Peter Bichsel Halten Sie sich für korrumpierbar?

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, hört im Radio eine Sendung über Korruption in Afrika und muss unweigerlich an ein kleines Mädchen denken.

Und schon wieder einmal «vor langer Zeit» - so beginnen die Geschichten des Alters. «Es war einmal», so beginnen die Märchen, die die Alten den Kindern erzählen. Märchen sind Geschichten des Alters - wunderschön, dass sie den kleinen Kindern gefallen. Dies nur nebenbei und als Entschuldigung. Ich erschrecke selbst über das dauernde «Es war einmal».

Vor langer Zeit also, und das Mädchen in dieser Geschichte ist wohl inzwischen schon eine Mutter oder Grossmutter, wurde in Biel das Théâtre de Poche eröffnet mit einer Grossveranstaltung ohne Programm. Die Akteure - Musiker, Clowns, Autoren und Autorinnen, Zauberer und Jongleure - verbrachten die zwei Tage und Nächte in den umliegenden Wirtschaften und gingen dann von Zeit zu Zeit hinüber ins Theater und unterhielten dort die Zuschauer.

Ich las, und zwar am Nachmittag, Kindergeschichten. Nun kraxelte ein kleines Mädchen während meiner Lesung auf die Bühne, holte sich an der Seite einen Stuhl und schob ihn mühsam und umständlich an meinen Tisch, kletterte auf den Stuhl, kniete darauf neben mir und riss mir das Buch aus der Hand, begann darin zu blättern, und ich «las» auswendig weiter, bis ich ins Stocken geriet und das Buch wieder benötigte und es dem Mädchen aus der Hand riss. Dann wieder es, dann wieder ich, und ich immer weiter «lesend», und die Lesung war längst im Eimer und nur noch das menschliche und verzweifelte Gemurmel in einer grandiosen, improvisierten Clownnummer, in der ich mich durchaus wohlfühlte und die beim Publikum grossen Erfolg hatte. Die Mutter holte dann das Mädchen von der Bühne. Das Publikum applaudierte, und ich war mit unserem Erfolg durchaus zufrieden und sah keinen Anlass, weiterzulesen, bedankte mich und ging zurück in die Wirtschaft.

Der erfolgreiche Autor ging davon aus, dass ein Autogramm von ihm nicht nichts ist

Zwei Stunden später traf ich das Mädchen mit seinen Eltern zufällig auf der Strasse. Ich freute mich, meine «Partnerin» wieder zu sehen, fragte sie nach ihrem Namen, zog mein Buch mit den Kindergeschichten aus der Tasche, schrieb ihr eine Widmung in das Buch und streckte ihr das Buch entgegen. «Nein», sagte sie, «ich möchte lieber den Kugelschreiber.» Den gab ich ihr, steckte das Buch wieder ein und schlich mich beschämt davon. Ich fühlte mich wie ertappt - der junge, erfolgsverwöhnte Autor, der es bereits gewohnt war, seine Mitmenschen mit seinem Autogramm zu beglücken, und das kleine Mädchen, dem diese «Wert»-Vorstellungen noch unbekannt waren.

Eine Zwischenfrage, liebe Leserin, lieber Leser: Halten Sie sich selbst für korrupt oder zum Mindesten für korrumpierbar? Die Geschichte mit dem kleinen Mädchen ist mir nämlich eigenartigerweise wieder eingefallen, nachdem ich am Radio eine Sendung über Korruption in Afrika gehört habe, in der auch Fachleute zu Wort kamen und recht Schwierigkeiten damit hatten, Korruption zu definieren. Beim Nachdenken darüber, sah ich plötzlich wieder das kleine Mädchen vor mir und erinnerte mich an meine Beschämung. «Korruption meint», sagte in der Radiosendung eine Expertin, «dass sich jemand aufgrund seines Amtes oder seiner Stellung besondere Vorteile verschafft.»

Gut, das Mädchen hatte sich auch einen Vorteil verschafft, es hatte nun einen Kugelschreiber, aber diesen Vorteil hatte es sich nicht aufgrund seines Amtes oder seiner Stellung verschafft. Der junge, erfolgreiche Autor aber ging davon aus, dass ein Autogramm von ihm nicht nichts ist und dass das zum Mindesten von den Eltern ästimiert wird. Sie aber akzeptierten den tapferen Entscheid ihrer Tochter, die sich selbstverständlich strahlend für das Geschenk bedankte.

Ja, ich habe inzwischen Hunderte von Büchern signiert, und wenn das den Leuten Freude macht, mache ich das gern, aber die Lehre, die mir damals das kleine Mädchen erteilte, sitzt mir dabei im Nacken.

Erzählen wollte ich aber nur die Geschichte von der wunderbaren Clownszene, die wir zusammen spielten, und oft wenn ich irgendwo vor einer ernsten Zuhörerschaft vorlese, fällt mir ein, dass ich eigentlich jetzt lieber mit drei Orangen jonglieren oder Kaninchen aus einem Zylinder zaubern möchte. Ich kann beides nicht. Aber ab und zu, wenn ich vorlese, sehe ich das kleine Mädchen wieder über den Bühnenrand kraxeln, und ich lächle.

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