Notabene Helmut Hubacher Haarsträubende Fehlprognosen

Helmut Hubacher, 88, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über das damals geplante Atomkraftwerk Kaiseraugst.

Man hatte uns, höflich formuliert, ein X für ein U vorgemacht. Richtig ist, wir wurden verschaukelt. Vor 40 Jahren, am 1. April 1975, machte das Aargauer Dorf Kaiseraugst Schlagzeilen. Die in Baden domizilierte Motor-Columbus AG liess Bagger auffahren, um mit den Aushubarbeiten für das neue Atomkraftwerk anzufangen. Dazu kam es nicht. Das Baugelände wurde besetzt. Elf Wochen lang.

SP-Regierungsrat Louis Lang in Aarau hätte als Chef der Polizei gerne ein Räumungskommando nach Kaiseraugst geschickt. Er habe nur 238 Polizisten, «der mit dem Holzbein mitgezählt», gestand er mir mal. Da an Demonstrationen bis zu 15'000 Sympathisanten mitgemacht hatten, wäre die Polizei chancenlos gewesen. Die übrigen Kantone wurden um Unterstützung gebeten. Sie zeigten Aarau die kalte Schulter.

SP-Bundesrat Willi Ritschard war als Energieminister für das AKW-Dossier zuständig. Am SP-Parteitag vom März 1975 hatte er die Delegierten begeistert: «Nicht der Bundesrat, das Volk ist die Regierung.» Als ich ihn anrief, und sagte: «Willi, jetzt regiert in Kaiseraugst das Volk», hatte ihm das gar nicht gefallen. Für den Bundesrat traten die Besetzer den Rechtsstaat mit Füssen.

An einer Aussprache baten wir den Genossen Bundesrat, er solle mit den Besetzern reden. Seine Stimmung war aggressiv und aufgewühlt, so hatte ich ihn noch nie erlebt. «Was soll ich machen? Gnägi und Furgler wollen die Armee einsetzen.» Aha, deshalb seine schlechte Laune. Ritschard unterschrieb einen Brief an die Besetzer, er sei gesprächsbereit. So kam es zu den Expertengesprächen zwischen Bund, Motor-Columbus und Besetzern. Nach zwölf Jahren (!) gab die Atomlobby «Kaiseraugst» und die vier weiteren geplanten AKWs auf. Atomstrom wird seither aus Frankreich importiert.

Vor 40 Jahren macht das Aargauer Dorf Kaiseraugst Schlagzeilen

Später doppelte Ritschard nach. Öffentlich erklärte er, falls in Kaiseraugst die Armee eingesetzt werde, würde er als Bundesrat zurücktreten. Rudolf Gnägi und Kurt Furgler hatten den Wink verstanden. Die Armee blieb in der Kaserne. Damit ist dem Land eine staatspolitische Katastrophe erspart geblieben.

Mit Brief vom 11.7.1986 beantwortete der Direktor des Bundesamts für Energie Fragen der Gemeinde Kaiseraugst. Etwa, was «nach einem schweren Kernkraftwerkunfall» vorzukehren wäre. Antwort: «Die Leute müssten den Keller bzw. Schutzraum aufsuchen. Wegen der vorüberziehenden radioaktiven Wolke einige Stunden bis maximal etwa zwei Tage.»

Nach «einigen Stunden bis maximal etwa zwei Tagen» wäre also die Reaktorkatastrophe überstanden gewesen. Das behauptete «Bern» zweieinhalb Monate nach «Tschernobyl».

Dort braucht der zerstörte Reaktor 4 für die nächsten 100 Jahre eine neue Schutzhülle, Sarkophag genannt: 257 Meter breit, 163 Meter lang, 110 Meter hoch, 29'000 Tonnen schwer. Spezialisten aus aller Welt wollen ihn bis 2017 gebaut haben. Er soll mindestens 1,56 Milliarden Euro kosten. Die EU zahlt den Hauptanteil. 40 Länder machen mit. Die Schweiz mit 9,3 Millionen Franken (Angaben aus «Energie & Umwelt», 2/2014).

Motor-Columbus-Direktor Peter Graf bot uns in der Nationalratskommission am 5.5.1983 als Verharmloser seine atomare Märchenstunde: «In Basel-Stadt sind Evakuierungsmassnahmen auch bei einem GAU (grösster anzunehmender Unfall) nicht notwendig. Die Leute sollen zu Hause bleiben, unter Umständen den Keller aufsuchen.»

Bei einem GAU in Kaiseraugst wären die neun Kilometer entfernte Stadt und die Region Basel für lange Zeit unbewohnbar geworden. Wie die GAUs von Tschernobyl und Fukushima das beweisen. Nach Graf wäre Basel nicht einmal evakuiert worden.

Der Bundesrat wurde gefragt, ob im Kriegsfall Atomkraftwerke nicht eine tödliche Gefahr darstellten. «Kernkraftwerke würden abgestellt. Die Sicherheit ist weitestgehend gewährleistet», so seine Antwort vom 3.9.1986. Serge Prêtre, Strahlenfachmann des Bundes, widersprach. Das radioaktive Inventar bräuchte zwei Jahre, «bis eine gewisse Entschärfung und Abschwächung spürbar wären. Atomkraftwerke müssten zwei Jahre vor Kriegsbeginn stillgelegt werden».

Mit dem «Projekt Gewähr» wurde uns im Nationalrat 1978 versprochen: Bis 1985 seien für die Endlagerung des Atommülls Standort und ausführungsreifes Projekt garantiert. Der Termin ist vorläufig um 75 Jahre bis 2060 verschoben worden.

Es gibt einen ganzen Friedhof mit atomaren Fehlprognosen. Verlassen konnte man sich nur auf die Besetzer.

Im Dossier: Alle Beiträge von Helmut Hubacher, Chris von Rohr und Pedro Lenz

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