Notabene Helmut Hubacher Mit fünfzig zu alt?

Helmut Hubacher, 88, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über das Älterwerden, Altersvorsorge und Arbeitslosigkeit.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei über achtzig Jahren. Kann man sagen, die Alten seien jünger geworden? Grossmutter war mit fünfzig bereits eine alte Frau. Im Kleiderkasten gab es nur noch dunkle Farben. In langen Hosen wäre sie wohl vom Dorfpolizisten als öffentliches Ärgernis verhaftet worden.

In der Herrenmode dominierten Grau und Braun. Zur Abwechslung mal heller, mal dunkler. Standard war das weisse Hemd mit Krawatte. Grossvater besass zwei Anzüge. Den schöneren für Sonntag, der dann werktags ausgetragen wurde. Etwa alle vier Jahre kaufte er einen neuen Anzug. Für die Familie war das ein «grosser Tag».

Meine Grosseltern würden über die heutige Mode staunen. Erst recht über die soziale Lage der Senioren. Seit 1948 gibt es die AHV und seit 1985 die obligatorische Pensionskasse für Arbeitnehmer. Der öffentliche Dienst ging mit der Altersvorsorge voran. In der Privatwirtschaft fehlte sie für ganze Branchen. Das Ersparte ersetzte die Pensionskasse. Sonst mussten die Kinder ihre Eltern unterstützen. Im Kanton Bern war das sogar gesetzlich vorgeschrieben worden.

Mit der heutigen Altersvorsorge sind Senioren finanziell unabhängig und fallen den Kindern nicht mehr zur Last. Oft helfen jetzt die Alten den Jungen. Pensionierte leisten sich Reisen, Ferien, sind als Konsumenten beliebt. Anders meine Grosseltern. Sie machten einmal fünf Tage in Adelboden Ferien. Ihre längste Reise führte mit der Bahn von Bern nach Zürich. 1939, an die legendäre Landi, die Landesausstellung.

Ohne Altersvorsorge wurde so lange wie möglich gearbeitet. Heute sollen 50-Jährige dafür zu alt sein. Von solchen Fällen hören wir immer wieder. Pauschal trifft das natürlich nicht zu. Die reale Arbeitswelt widerlegt das. Wer allerdings eine neue Stelle suchen muss, kann schnell zu alt sein. Bereits 45-Jährige können böse Überraschungen erleben. Ein Auslandschweizer hat das erfahren. Nach 22 Jahren kehrte er in die Schweiz zurück. Mit besten Referenzen als Manager. «Wo immer ich mich bewerbe, bekomme ich Absagen. Ohne nur einmal zum persönlichen Gespräch zugelassen worden zu sein. Fast immer mit der Ausrede, ich sei überqualifiziert», erzählt er mir. Konkret heisse das, «ich bin mit 48 zu alt». Erschwerend komme hinzu, dass er im eigenen Land ein Fremder geworden sei, der nicht oben einsteigen könne. «Um aber unten neu anzufangen, dafür bin ich wirklich zu alt.» Der Mann geht wieder zurück nach Ghana.

Ohne Altersvorsorge wurde so lange wie möglich gearbeitet

Kürzlich erhielt ich von Thomas einen Brief, der mich nachdenklich stimmt. Wir arbeiteten einige Jahre im gleichen Haus und trafen uns regelmässig beim Znünikaffee. Dann machte sich Thomas selbstständig. Die Kontakte wurden seltener. Meistens gab es sie im Fussballstadion. Nun bin ich bequem geworden und schaue mir den FCB-Match lieber am TV an. So haben wir uns etwas aus den Augen verloren.

Thomas ist seit zwei Jahren «ein stellenloser Mitfünfziger», lese ich. Und machte bittere Erfahrungen. Etwa die: «Auf über 100 Bewerbungen konnte ich mich genau 1× (in Worten: einmal) vorstellen.»

Thomas hat Kurse noch und noch besucht. Mit anderen zusammen. «Darunter hat es viele aus der Banken- und Versicherungsbranche gehabt. Auch solche deutlich unter fünfzig, die kaum eine Chance haben, in ihrem Wissensgebiet je wieder Fuss zu fassen. Ich kenne solche, die rotieren im roten Bereich, wenn die Arbeitslosenkasse die Taggelder erst am fünften Tag des Folgemonats ausbezahlt.»

Mein Bekannter hat einen internationalen Abschluss für Projektmanagement absolviert. In der Annahme, damit richtig gut qualifiziert zu sein. «Heute weiss ich genau, dass ich das für mich gemacht habe und nicht davon ausgehen kann, dass sich dadurch meine Chance auf dem Arbeitsmarkt verbessert.»

Seine Bilanz: «Es ist ein Mix aus Alter, langjähriger Selbstständigkeit (kann sich der noch unterordnen?) und meiner Allrounder-Ausbildung. Als Spezialist hast du bessere Karten.»

Thomas arbeitet erneut selbstständig. Mit Dienstleistungen für die Generation 60 plus: PC-Ausbildung, Administratives, Buchhaltung, Hochzeitsrede, Brief an den Vermieter und, und, und.

Mit fünfzig zu alt für die Wirtschaft? Das würde schlecht in unsere vom Konsum gedopte und auf Leistung fixierte Gesellschaft passen.

Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Helmut Hubacher, Peter Bichsel und Chris von Rohr finden Sie im grossen SI-online-Dossier.

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