Notabene Helmut Hubacher Die weisse Weste

Helmut Hubacher, 88, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über die krummen Geschäfte der Herren Brady Dougan und Urs Rohner.

Der Boss eines Grossunternehmens heisst auf Neudeutsch CEO, Chief Executive Officer. Er ist für das operative Geschäft zuständig. Für Strategie und Aufsicht ist es der Verwaltungsratspräsident. So sind Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sauber getrennt. Die beiden bilden das massgebliche Führungsduo. Sie sind für die Führungspolitik verantwortlich. Die Belegschaft arbeitet nach ihren Direktiven. Man darf davon ausgehen, dass sie wissen, was in ihrem «Laden» gut läuft oder was schiefgeht. Nur so können CEO und Verwaltungsratspräsident ihre Verantwortung wahrnehmen. Wenn ausgeführt wird, was sie verlangen. Und nicht, wenn jeder macht, was er will.

Die Credit Suisse (CS) ist die zweitgrösste Bank im Land. CEO ist der Amerikaner Brady Dougan. Urs Rohner ist Verwaltungsratspräsident. Beide werden für ihren Job bestens entlöhnt. Beim CEO waren es 2013 knapp zehn Millionen Franken. Für zwölf Monate. Die zwei würden sich «bedanken» für den Vorwurf, sie seien über den Geschäftsgang nicht auf dem Laufenden. Ich meine nicht: über jedes Detail. Darüber, wie das Geschäft bei der Vermögensverwaltung läuft, aber schon.

Nach der UBS stolperte auch die CS über ihr US-Geschäft. Mit dem Klassiker im Angebot. Das schweizerische Bankgeheimnis schützte reiche Amerikaner vor ihrer Steuerbehörde. Mit Garantie für sichere Steuerhinterziehung. Brady Dougan musste sich deswegen vor dem US-Senat rechtfertigen. Das Erstaunliche: Der CEO erklärte unter Eid, von solchen dubiosen Geschäften keine Ahnung gehabt zu haben. Da hätten Mitarbeiter auf eigene Fast gewirtschaftet. Ohne sein Wissen. Das Bankgeheimnis als Geschäftsmodell für Steuerbetrug war an ihm vorbeigegangen. Die so erwirtschafteten Einnahmen wurden hinter seinem Rücken verbucht. Wohl auf einem versteckten Konto. Alle seine beteiligten Untergebenen hatten ihm das alles verschwiegen. Unter einer ordentlich geführten Bank stellt man sich allerdings etwas anderes vor.

So viel Unschuld übersteigt das landesübliche Vorstellungsvermögen

Später aber, im vergangenen Mai, unterzeichnete ein Anwalt im Auftrag der CS-Führung ein Schuldeingeständnis. Die CS sei, so wörtlich, «ein kriminelles Unternehmen». Darauf basiert die vom US-Justizminister persönlich verfügte Busse von 2,8 Milliarden Dollar. An der diesjährigen Generalversammlung versicherte Urs Rohner seinen Aktionären, vom oberen Management sei niemand dafür verantwortlich gewesen: «Persönlich haben wir eine weisse Weste.» Damit meinte er sich und Brady Dougan.

So viel Unschuld übersteigt das landesübliche Vorstellungsvermögen. Damit nicht genug. Sie wird auch noch amtlich abgesegnet. Von der Finma, der Finanzaufsicht als Kontrollbehörde der Banken: «Die Finma fand keine Hinweise darauf, dass das Senior-Management der Credit Suisse von konkreten Verfehlungen Kenntnis gehabt hätte.» Das ist für die zwei «Senioren» Brady Dougan und Urs Rohner ein erstklassiger Freibrief. Die Finma hiess bis vor Kurzem Bankenkommission. Diese Kontrollbehörde ist ein typisch schweizerisches Modell. Finanziert wird sie von den Banken. Da kontrollieren die Kontrollierten ihre Kontrolleure.

Wenn also die Chefs von krummen Geschäften nichts gewusst haben, wer dann? Es geht ja nicht um zwei Dutzend US-Kunden. Es waren etwa 12 000, die ihre Millionen bei der CS deponierten. Um sich die Steuern zu ersparen. Das wussten nur die «lieben Mitarbeiter». Die müssen nun den Kopf hinhalten. Meldet der «Blick» vom 11. Juli 2014: «Über 1000 aktive und ehemalige Bankangestellte, die mit US-Kunden zu tun hatten, erhielten einen eingeschriebenen Brief, ihr Name sei an die US-Behörden weitergeleitet worden.» Wieso? Sie hätten diese «kriminellen Geschäfte» mit der Steuerhinterziehung zu verantworten.

Nicht nur die Finma hat die Verantwortlichen entlastet. Damit Banken Untergebene vorschieben dürfen, benötigen sie das Einverständnis des Bundesrats. Das Gesetz schreibt das vor. Angestellte führen aus, was von ihnen verlangt wird. Chefs werden respektiert und geschätzt, wenn sie zu ihrer Verantwortung stehen. Das Arbeitsklima ist im Keller, wenn sich die Angestellten sagen: Die da oben kassieren Millionen, Fehler werden uns in die Schuhe geschoben.

Die Herren Dougan und Rohner lächeln in die Kamera: «Persönlich haben wir beide eine saubere Weste.» Auch saubere Hände?

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