Notabene Helmut Hubacher Der Doppelgänger

Der ehemalige SP-Nationalrat und Buchautor Helmut Hubacher, 86, steht unter ständiger Beobachtung. Und wird des Fremdgehens bezichtigt. 

Herr Nationalrat, Rot gilt auch für Sie.» Weil weit und breit kein Auto oder Velo in Sicht war, überquerte ich die Strasse bei Rot. Schon hatte mich ein Bürger zur Ordnung gerufen. Von da an wusste ich, als bekannter Politiker wird man beobachtet. Die obligate Frage stellt sich: Muss ein Politiker auch Vorbild sein? Das nicht. Aber an die Regeln hat er sich zu halten. Das wird erwartet. Und gehört sich auch.

In meinem Stammcafé Bachmann beim Bahnhof in Basel wurde ich von einem Gast angesprochen, den ich noch nie getroffen hatte. Zuerst tat er geheimnisvoll. Um dann schnurstracks auf mich loszugehen. Er fragte: «Wars schön auf Rhodos?» Die Insel Rhodos ist mir durchaus geläufig. Allerdings nur aus Prospekten. Unsere Ferieninsel ist Bornholm in der Ostsee, zwischen Kopenhagen und Malmö. «Wie heissen Sie», erkundigte ich mich. Das tue nichts zur Sache, wich er aus. «Nein», antwortete ich, er täusche sich, ich sei noch nie auf Rhodos gewesen.

Herr Unbekannt liess sich nicht irritieren. Mit einem hämischen Grinsen blieb er auf Kurs. Er habe mich ja gesehen. Allerdings nicht mit meiner Frau. «Die ist ja eher klein. Ihre Partnerin aber war einen grosse Blonde.» Ich spürte seine schäbige Freude, mich überführt zu haben. Geduldig wiederholte ich, nie auf Rhodos Ferien gemacht zu haben. «Aber ich habe Sie ja gesehen», wiederholte er. «Herrgott, ich weiss doch, wo ich schon war und wo noch nie», bellte ich ärgerlich zurück.

Ein Politiker ist schliesslich auch nur ein Mensch. Wie wahr

Jetzt schaltete der Aufsässige auf scheinheilig: «Ich habe doch volles Verständnis, dass Sie Ihren Seitensprung nicht zugeben möchten. Wer tut das schon gern?» Um dann den Kalauer nachzuschieben: «Ein Politiker ist schliesslich auch nur ein Mensch.» Wie wahr. Politiker sind tatsächlich Menschen. Das wars denn auch in Sachen Übereinstimmung.

Ich bat den mir unsympathisch gewordenen Rechthaber, mich endlich in Ruhe zu lassen. Er ignorierte meine x-te Aussage, Rhodos wirklich nicht zu kennen. Im Stil des Selbstgerechten verliess er mich: «Und Sie waren halt doch dort.» Ich würde lügen, hätte mich diese Verdächtigung nicht beschäftigt. Den Schlaf allerdings hat sie mir nicht geraubt. Zum Schlafen war ich nie zu faul. Mit der Zeit ist die unangenehme Begegnung auf der Strecke des Vergessens geblieben.

Jahre später klärte sich das Missverständnis auf. Ich fuhr im letzten Zug von Bern nach Basel. Und las, wie meistens, die Zeitung. So hatte ich mein Gegenüber gar nicht bemerkt. Nach Burgdorf hat er sich gemeldet: «Darf ich Sie stören?» Er stellte sich als Herr Meister aus Binningen vor. Dann wurde es richtig interessant.

Er sei beruflich zwölf Jahre in Südafrika gewesen. Seit einem Jahr nun wieder zurück in der Schweiz. Nach so langer Abwesenheit lebe er im eigenen Land fast wie ein Fremder. Den Kontakt zu früheren Bekannten habe er verloren. «Dank Ihnen werde ich oft angesprochen und konnte so Leute kennenlernen. Ich werde mit Ihnen verwechselt und bin dann der Hubacher.» Nun musterten wir uns gegenseitig. Grösse, Kopf, Haare, Profil, Alter waren tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Ich war meinem Doppelgänger begegnet.

Ich hätte ja gewettet, dass es das nicht gibt. Herr Meister erzählte von seinen Erfahrungen, die er als «Herr Hubacher» gemacht hatte. Schwierig sei es für ihn gewesen, wenn er der politische Fachmann hätte sein sollen. Sonst habe er eben ein paar gute Bekanntschaften geschlossen. Nur einmal sei er von einem Besoffenen als «Scheiss-Hubacher» beschimpft worden.

Plötzlich fiel mir der Rhodos-Mensch ein. «Haben Sie schon auf Rhodos Ferien gemacht?» «Ja, mehr als einmal.» «Mit Ihrer Partnerin?» «Genau.» «Ist sie blond?» «Ja, auch das stimmt. Sagen Sie mal, weshalb wollen Sie das wissen?»

Mister Unbekannt, lesen Sie mich? So ganz daneben sind Sie ja nicht gelegen. Nur haben Sie auf Rhodos den falschen Hubacher gesehen.

Wer so lange Politik gemacht hat wie ich, ist eine öffentliche Person. Man wird oft angesprochen. Das sei doch unangenehm, meinen viele. Nein. Jene Politiker leiden, die nicht erkannt werden. Herrlich war der Mann in den Berner Lauben. Ich konnte ihn nicht überhören: «Zuerst der Stich, jetzt dieser Hubacher, ein Unglück kommt selten allein.»

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