Notabene Helmut Hubacher Wenn das Grossmutter wüsste

Der ehemalige SP-Präsident und Buchautor Helmut Hubacher, 87, über Frauen und ihre Position in der Gesellschaft.

Da war ganz viel Pfeffer drin. Wer glaubt, in der Schweiz passiere und verändere sich nichts, ist ganz schön auf dem Holzweg. Die Frauen, sie vor allem, haben mächtig zugelegt. Es reizt mich, aufzuzählen, was ein älterer Mann wie ich in seinem Leben bisher alles erlebt und mitgemacht hat.

Als Politiker denke ich an meine ersten SP-Parteitage zurück. Männer stiessen sich die Ellbogen in die Rippen: «Du, da geht eine ans Mikrofon.» Es war damals einfach ungewöhnlich. Eine Frau am Rednerpult sorgte für eine mittlere Sensation. Als ich 1975 das Präsidium der SP übernahm, sassen in der Geschäftsleitung 14 Männer plus die Alibifrau, die Präsidentin der Frauengruppe. Gleichberechtigung war eine ziemlich einseitige Sache. Erst im Nachgang zur 1968er-Jungendrevolte haben Frauen die Machtverhältnisse zurechtgerückt. Als ich das Parteipräsidium weitergab, passte der GL-Verteiler besser in die Landschaft: sieben Frauen und acht Männer.

Wie im Vorbeigehen wurde damals auch das Konkubinatsverbot aufgehoben. Frau und Mann, die nicht verheiratet waren, durften offiziell keine gemeinsame Wohnung haben. Das sei unmoralisch, verschrien die Behörden. Es war eine verlogene Moral. Als meine Frau Gret 1982 mit 56 die Wirteprüfung absolviert und im Jahr darauf ein Restaurant übernommen hatte, brauchte sie mein Einverständnis. Ohne meine Unterschrift hätte sie weder die Konzession vom Staat bekommen noch bei der Bank ein Geschäftskonto eröffnen können. Eine verheiratete Frau sass im Seitenwagen wie das Eigentum ihres Mannes.

Dabei wollte Gret nur dem politischen Elend entfliehen. Der Junior war als Letzter daheim ausgezogen. «Auf dich zu warten, bis du aus Bern heimkommst, ist nicht gerade der Traum meines Lebens. Ich mache eine Beiz auf.» Schön, dachte ich. Für mein Wegbleiben brauchte ich von nun an kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Und Gret war happy mit ihrer Beiz.

Eine Frau im Herrensalon? Unvorstellbar


Das Gegenteil ist noch schlimmer. Unsere Nachbarin hatte Gret gebeichtet: «Frau Hubacher, haben Sie es schön. Mein Mann ist jeden Abend zu Hause. Er macht in keinem Verein mit. Das hält keine Frau aus.» Es muss Anfang der 1970er-Jahre gewesen sein. Jedenfalls erlebte ich Aufregendes. Nicht im Bundeshaus, sondern beim Coiffeur an der Marktgasse in Bern. Zum ersten Mal hatte mir eine Frau die Haare geschnitten. Bisher waren Damen- und Herrensalon getrennt geführt worden. Eine Frau im Herrensalon? Unvorstellbar.

1953 kündigte ich meine Stelle als SBB-Betriebsbeamter. Im ganzen Bahnhof Basel arbeitete nicht eine Frau. Doch, die Putzfrau. Nicht am Billettschalter, nicht in der Auskunft oder im Reisebüro. Überall nur Männer. Draussen im Betrieb sowieso. Später, als Gewerkschaftsfunktionär beim Staatspersonal, betreute ich das Personal der BVB, der Basler Verkehrsbetriebe. Die Trämler. Ende der 1950er-Jahre wurde es immer schwieriger, Wagenführer und Billeteure zu rekrutieren. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren, die Basler Chemie zahlte bessere Löhne als der Kanton. Da machte ich an einer Trämler-Versammlung den Vorschlag, Billeteusen einzustellen. Jesses, damit hatte ich nicht gerechnet.

Meine Kollegen entwickelten eine blühende Fantasie, die ich ihnen gar nicht zugetraut hätte. Was mir einfalle, Frauen seien doch für diesen Job zu schwach, würden ihn gesundheitlich gar nicht aushalten. Und so weiter. Erst als ich beantragte, «machen wir doch wenigstens einen sechsmonatigen Versuch», bekam ich Oberhand. Und konnte der Direktion das Okay signalisieren.

Keine drei Monate später war das ganze Gestürm kein Thema mehr. Die am lautesten gegen die Frauen losgezogen hatten, erwiesen sich schnell als die «nettesten» Kollegen. Heute sitzen Wagenführerinnen am Steuer, patrouillieren Polizistinnen in der Stadt, regieren Frauen im Rathaus. Dasselbe im Bundeshaus. Seit 1971 gehen dort Frauen ein und aus, als ob das schon immer so gewesen wäre. Ich habe Mühe, mir etwas anderes vorzustellen.

Wenn das Grossmutter wüsste. Sie galt damals mit 55 schon als alte Frau. Und trug nur noch dunkle Farben. Der dunkelblaue Rock mit weissen Tupfen war schon fast kühn. Im Dorf lief eine gleichaltrige Frau mit bunten Jacken herum. «Die spinnt doch», hiess es, «so läuft eine alte Frau nicht mehr herum.»

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