Notabene Helmut Hubacher Scheinheilig

Helmut Hubacher, 88, ehemaliger SP-Präsident und Buchautor, über den Gotthard-Tunnel und scheinheilige Politik.

Wenn auf der Autobahn durch den Gotthard zehn oder mehr Kilometer Stau gemeldet werden, muss es entweder Ostern, Pfingsten oder Ferienzeit sein. Am 5. September 1980 hatte Bundesrat Hans Hürlimann den Gotthard-Strassentunnel eingeweiht. Mit einem gloriosen Missverständnis: «Dieser Tunnel ist kein Korridor für den Schwerverkehr.»

Statt keine passieren im Jahr 1,3 Millionen Lastwagen den Tunnel. 1994 wurde die Alpeninitiative vom Stimmvolk angenommen. Seither steht in der Bundesverfassung, im Nord-Süd-Transit seien Güter auf die Schiene zu verlagern. Dagegen erhob die EU Einspruch. Die Schweiz könne das zum Beispiel vom Autoland Holland nicht verlangen. Die Initianten waren kulant zum Kompromiss bereit, die Alpeninitiative nicht wortwörtlich umzusetzen. Ausgehandelt wurde, die Zahl der Lastwagen auf 650 000 im Jahr zu begrenzen. Davon sind wir noch weit entfernt. Die EU musste ihrerseits akzeptieren, dass für die Durchfahrt eine Schwerverkehrsabgabe erhoben wird.

In den 1990er-Jahren verhandelte Bundesrat Dölf Ogi mit der EU über ein Nord-Süd-Transitabkommen. Die Schweiz hat sich dabei verpflichtet, den Neat-Gotthard-Eisenbahntunnel (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) zu bauen. In absehbarer Zeit wird der längste Eisenbahntunnel der Welt in Betrieb gehen.

Der damalige Verkehrsminister Ogi informierte seine EU-Kollegen einzeln am Tatort. Bei der Kirche in Wassen erklärte er ihnen den Bauplan für den Neat-Tunnel. Für den britischen Minister muss das eine Qual gewesen sein. Sein Besuch fand im November bei Affenkälte statt. Der Engländer habe im leichten Sommerkleid, ohne nichts sonst, wie ein Schlosshund geschlottert. Der Bergler Dölf Ogi soll das mit vergnügter Anteilnahme beobachtet haben. Selten sei ein Gast so gern in den Helikopter eingestiegen.

Fast hundert Jahre vor dem Strassentunnel war der Eisenbahntunnel gebaut worden. 1882 passierte ihn der erste Zug. Einer von sechs im Tag. Gemessen an dem bisschen Verkehr ist damals weitsichtig grosszügig geplant worden. Nur so wird heute noch das zigfache Verkehrsaufkommen bewältigt. Allerdings dauert die Bahnfahrt durch den kurvenreichen Tunnel von Basel nach Lugano länger als nach Paris.

Wir bauen ja kaum zwei Tunnel und lassen je eine Spur leer

Der Gotthard ist voller Geschichten. Eine verrückte geht ins Jahr 1958 zurück. Der Bundesrat hatte einen Planungskredit bewilligt. Um, man lese und staune, abzuklären, ob im Gotthardmassiv Atombombenversuche möglich wären. Die Armeeführung hätte gern eine eigene Atombombe gehabt.

In der BBC Baden, heute ABB, war eine Maschinenhalle automatisiert worden. Vier Arbeiter versahen den Aufsichtsdienst. Um bei einer Panne eingreifen zu können. Nur passierte sie ganz selten. Jeden Freitag rannten die vier nach dem Feierabend zum Töff, um eine Wette einzulösen: wer zuerst auf dem Gotthardpass sei. Vom ständigen Warten mussten sie Dampf ablassen.

Der Gotthard ist wieder mal ein Politikum. Der Strassentunnel muss saniert und für drei Jahre gesperrt werden. So lange möchte das Tessin nicht auf eine Strassenverbindung zur Deutschschweiz verzichten müssen. Das brachte den Bundesrat auf eine schlaue Idee. Zuerst soll eine zweite Röhre gebaut und erst dann die andere erneuert werden. Dem haben National- und Ständerat mehrheitlich zugestimmt. Die alte Crew der Alpeninitiative hat das Referendum lanciert.

Wenn dann beide Tunnel befahrbar sein werden, wird das mehr Verkehr auslösen. Das hingegen ist wegen der vom Volk angenommenen Alpeninitiative verboten. Der Bundesrat behilft sich mit einem raffinierten Angebot. Beide Tunnel sollen nur noch einspurig befahrbar sein. Das quittieren die Referendumsgegner mit Hohn und Spott. Ein solches Versprechen sei auf Dauer nicht durchzuhalten. Wie das Bundesrätin Doris Leuthard 2012 in der Verkehrskommission des Nationalrates selber erklärt hatte: «Man kann verfassungsmässig nur eine zweite Röhre bauen, wenn man beide einspurig betreibt. Das ist aber ein bisschen Seldwyla. Wir bauen ja kaum zwei Tunnel und lassen je eine Spur leer. Das ist scheinheilig.»

Daran wird die Verkehrsministerin nur mehr ungern erinnert. Denn genau was sie gesagt hat, behaupten die Gegner. Inzwischen ist sie selber «scheinheilig» geworden. Man wird sie noch oft zitieren. Der Abstimmungskampf kann ja heiter werden.

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